Die Wüste lebt

Vorstellung Audi RS Q E-Tron Dakar

Audi lüftet den Schleier seines Geheimprojekts. Bereits in einem halben Jahr wollen die Ingolstädter mit dem gewaltigen RS Q E-Tron durch die Wüste donnern und die Dakar-Rallye bestreiten – natürlich rein elektrisch. Doch die dafür notwendige Energie kommt von einem alten Bekannten aus der DTM.

Der Koloss aus Karbon, Gitterrohr und Stollenreifen passt kaum in die Montagehalle von Audi Sport in Neuburg an der Donau. 4,50 Meter lang, gigantische 2,30 breit, mehr als zwei Meter hoch und zwei Tonnen schwer – der Audi RS Q E-Tron ist geboren und nicht allein bei seinem Anblick dürfte der Konkurrenz hören und sehen vergehen. Er will sie schnupfen, wenn er mit Vollgas durch die endlosen Wüsten Saudi-Arabiens donnert – natürlich ökologisch verträglich.

Noch nie hat ein Team oder eine Automarke versucht, die schwerste Wüstenrallye der Welt mit einem Elektroauto zu gewinnen. Audi, bisher allein auf allen nur erdenklichen Rundstrecken hochdekoriert, will die Dakar gewinnen. Zwar nicht beim ersten Versuch, aber wohl 2023 oder 2024 und seinem Motorsportimage einen grünen Anstrich geben und seine Elektrosubmarke nicht nur an der Ladesäule aufladen.

Ein Projekt, das auf den ersten Blick nur mäßig zu Audi zu passen scheint. Schließlich wollen die Ingolstädter von einem Premiumhersteller in den kommenden Jahren zur elektrischen Luxusmarke mutieren. Da Emotionen und Hightech-Anspruch dabei nicht zu kurz kommen sollen, wurde das Motorsportprogramm neu ausgerichtet. Und man will ab 2023 nicht nur nach Le Mans zurückkehren, wo man die internationale Konkurrenz mehr als ein Jahrzehnt in Grund und Boden gefahren hat, sondern man begibt sich mit dem sandigen Untergrund von Saudi-Arabien auf völlig neues Terrain für die vier Ringe.

Bereits bei der nächsten Auflage der Dakar Rallye vom 2. bis 14. Januar 2022, ausgefahren in Saudi-Arabien, geht Audi mit drei Fahrzeugen an den Start. Die Fahrerbesetzung könnte mit Mehrfach-Sieger Stéphane Peterhansel / Edouard Boulanger, Mattias Ekström / Emil Bergkvist und Carlos Sainz / Lucas Cruz besser kaum sein. Für Umsetzung und Entwicklung hat die Audi Sport mit Sven Quandt und seinem Q-Rennteam einen der größten Experten in Sachen Dakar-Rallye ins Boot geholt. An der Erfahrung wird es daher nicht liegen und so gilt es jetzt, mit Hochdruck ein konkurrenzfähiges Fahrzeug zu entwickeln. Das erste Modell lief jetzt vom Stapel und sein Auftritt ist mehr als imposant.

Der Wüstenhüpfer mit dem Namen Audi RS Q E-Tron fällt nicht allein durch seine schiere Größe auf, sondern auch durch die fehlenden Werbeaufkleber. Während die Konkurrenz oder andere Motorsportbereiche auf der Suche nach Sponsorengeldern jeden nur möglichen Quadratzentimeter an einem Rennwagen mit Werbebannern bekleistern, trägt der RS Q E-Tron ein mattes Grau mit grell-roten Elementen und dem neuen Markenslogan Future is an Attitude. Werbepartner? Fehlanzeige. Audi will das eigene Design und die Technologie puristisch in Szene setzen. Dabei gab es Anfragen genug, doch gerade der Hauptinteressent Red Bull wollte den elektrischen Rallyekoloss zu einer springen Brausesäule machen. Audi wollte nicht und bringt so eine neue Note ins Motorsportsponsoring.

Doch die echte Schau sind nicht die die fehlenden Werbebotschaften, sondern der Antrieb. Unter der spektakulären Karbonkarosse gibt es reglementbedingt einen Gitterrohrrahmen, der ebenfalls auf einer Karbonplatte aufsetzt. Dazu gibt es an Vorder- und Hinterachse jeweils einen Elektromotor, der sonst in einem Formel-E-Renner seiner Arbeit verrichtet. Leistet er hier aktuell 250 kW / 340 PS, so wird die Systemleistet es Wüstenallradlers wohl bei rund 300 kW / 408 PS liegen. Die genauen Werte hängen noch am Reglement, das noch nicht finalisiert ist.

Gespeist werden die beiden jeweils 33 Kilogramm schweren Elektromotoren vom Typ MGU Formel E S7 von einer nur 50 kWh großen Batterie unter den beiden Rennschalensitzen des E-Tron, deren 13 Module aus 266 Zellen bestehen. Das Batteriepaket mit seinen 375 Kilogramm erscheint kaum groß genug, um mit Höchstgeschwindigkeiten von 170 km/h rein elektrisch lange Etappen zu bewältigen. „Auch die Batterie ist eine Eigenentwicklung, die wir gemeinsam mit einem Partner realisiert haben“, sagt Stefan Dreyer, Entwicklungschef von Audi Sport für die Motorsport-Projekte.

Die Charakteristik der Rallye Dakar stellt die Ingenieure dabei vor außergewöhnliche Herausforderungen. Der Marathonevent dauert zwei Wochen, die Tagesetappen sind bis zu 800 Kilometer lang. „Das ist eine sehr lange Distanz“, sagt Andreas Roos, bei Audi Sport für das Dakar-Projekt verantwortlich, „was wir versuchen, hat noch niemand probiert. Für einen Elektroantrieb ist das die ultimative Challenge.“

DTM-Triebwerk ist auch das 'Soundmodul'

Wenn sich das am Start vollgeladene Akkupaket dem Ende neigt, wird es von einem Verbrenner während der Fahrt stetig nachgeladen. Dafür verfügt der Audi RS Q E-Tron über das Hochleistungstriebwerk aus der alten DTM-Serie. Der zwei Liter große Vierzylinderturbo wurde leicht modifiziert und mit seinen bis zu 600 PS wüstentauglich gemacht. Musste er hier im Rundstreckenrennen bis zu 9.000 Touren drehen, bevor der Gangwechsel erfolgte, arbeitet der 100 Kilogramm schwere Verbrenner als Energielieferant in dem Dakar-Renner zwischen 4.500 und 6.000 U/min in nur einem Gang, da er besonders effizient laufen soll.

„Der Tank verfügt über ein Volumen rund 300 Litern“, erklärt Sven Quandt, „die anderen Fahrzeuge haben 500 Liter. Wir rechnen aktuell mit einem Verbrauch von 200 Gramm pro Kilowattstunde und hoffen, dass wir noch weiter runterkommen.“ Die Fahrtests von Auto Nummer eins haben gerade begonnen und noch im Sommer soll das zweite Fahrzeug aufgebaut werden. Komplett wird das Rallye-Trio jedoch erst kurz vor dem Jahresende. Und bevor es zur Dakar 2022 nach Saudi-Arabien geht, will man mit einem oder zwei Fahrzeugen noch ein paar Testrallyes in Afrika oder den Vereinigten Arabischen Emiraten absolvieren, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

„Wir sind sicher, dass wir noch den ein oder anderen Rückschlag erleben werden, lächelt Sven Quandt, „alles andere wäre nicht normal. Doch bisher läuft wirklich alles sehr gut.“

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