Es fehlten nur noch wenige Meter zur großen Sensation. Oliver Solberg lag auf der abschließenden Power Stage der Rallye Sardinien auf Titelkurs, ehe er zwei Kurven vor dem Ziel von der Strecke abkam. Der Toyota GR Yaris Rally1 landete im Gebüsch, die entscheidenden Sekunden waren verloren. Statt Oliver Solberg und Beifahrer Elliott Edmondson feierten Elfyn Evans und Scott Martin den Weltmeistertitel 2026.
Für Petter Solberg, der 2003 im Subaru selbst Rallye-Weltmeister geworden war, wurden die letzten Minuten der Saison zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Im Gespräch mit dem amerikanischen Magazin Racer schilderte der Norweger jetzt, wie er die dramatische Entscheidung unmittelbar am Streckenrand erlebte.
Eine Staubwolke zerstört den WM-Traum
Die Familie Solberg war bereits gebeten worden, sich an der Zielkontrolle zu versammeln. Alles war darauf vorbereitet, den frischgebackenen Weltmeister in Empfang zu nehmen. Petter stand zunächst mit zwei Fernsehteams an der Ziellinie, ging dann aber hinunter ans Wasser, um die letzten Meter selbst verfolgen zu können.
Oliver lag bei der letzten Zwischenzeit 1,9 Sekunden vor Evans. Nur noch wenige hundert Meter trennten ihn vom Titelgewinn. Doch dann sah Petter plötzlich eine große Staubwolke aufsteigen.
„Ich sprang herum. Nicht vor Freude, sondern vor Enttäuschung“, erinnert sich der Norweger.
Nach Petters Schilderung hatte das Team den Toyota vor der Prüfung um 25 Millimeter höhergelegt. Dadurch habe sich das Fahrverhalten verändert. Als Oliver in die Linkskurve am Strand einbog, kam er von der Fahrbahn ab. Ob die veränderte Abstimmung tatsächlich zu dem Fehler beitrug, lässt sich daraus allerdings nicht eindeutig ableiten.

Besonders bewegend waren die Minuten nach der Zielankunft. Oliver konnte seine Tränen nicht zurückhalten und entschuldigte sich bei seinem Vater. Er habe unbedingt erreichen wollen, dass beide als erstes Vater-Sohn-Gespann die Rallye-Weltmeisterschaft gewinnen. Nun habe er das Gefühl, versagt zu haben.
Petters Antwort fiel eindeutig aus: „Du hast nicht versagt! Was du erreicht hast, ist unglaublich.“
Auch beim Vater flossen Tränen. Gleichzeitig wusste er, dass sein Sohn nur deshalb so nah an den Titel gekommen war, weil er bis zuletzt alles riskierte. Ohne diesen unbedingten Willen zum Sieg hätte Oliver in seiner ersten vollständigen Rally1-Saison kaum bis zur letzten Prüfung um die Weltmeisterschaft kämpfen können.
Petter kann nicht mehr mithalten
Der 51-Jährige sieht zwischen sich und seinem Sohn viele Gemeinsamkeiten. Beide bevorzugen einen ähnlichen Fahrstil und haben vergleichbare Vorstellungen bei der Fahrzeugabstimmung. Allerdings räumt Petter mittlerweile ein, dass Oliver fahrerisch ein Niveau erreicht hat, bei dem er selbst nicht mehr mithalten kann.
Vor allem in der Kurvenmitte mache sein Sohn Dinge, die er trotz aller Erfahrung nicht mehr nachahmen könne. Wie schnell die aktuelle Rally1-Generation tatsächlich ist, erlebte Petter bei einer gemeinsamen Fahrt Anfang des Jahres. Besonders die Geschwindigkeiten in den Kurven hätten ihn regelrecht erschreckt.
Beeindruckt zeigt sich Solberg auch von der Zusammenarbeit seines Sohnes mit Toyota. Aus seiner eigenen Karriere weiß er, wie entscheidend das richtige technische Umfeld ist. Nach dem WM-Titel 2003 im Subaru gewann er zwar weitere Rallyes, konnte seinen Erfolg aber nicht wiederholen. Technische Probleme und Fahrzeugentwicklungen, die aus seiner Sicht in die falsche Richtung führten, verhinderten weitere Titelchancen.
Bei Oliver sieht er dagegen hervorragende Voraussetzungen. Toyota gebe ihm das Material und die Unterstützung, die er benötige, um sein Potenzial auszuschöpfen.
Den verpassten Titel hat die Familie inzwischen verarbeitet. Petter ist überzeugt, dass Oliver aus dem dramatischen Finale wichtige Erfahrungen mitnehmen wird. Für 2027 erwartet er seinen Sohn noch stärker, nicht nur wegen seiner Geschwindigkeit, sondern auch bei der Strategie und im Umgang mit dem Druck eines WM-Kampfes.

