Herr Röhrl, wann waren Sie das letzte Mal in Finnland?
Das ist ein paar Jahre her, denn meist waren wir mit Porsche zu den Wintertests im schwedischen Arjeplog. Aber als ich vor ein paar Jahren beim Porsche Ice Driving in Levi in Lappland war, hatte ich im 911 GT3 RS einen ganz besonderen Beifahrer.
Wir sind gespannt.
Plötzlich saß mein alter Teamkollege Markku Alén neben mir, der fürs finnische TV arbeitete. Was für eine nette Überraschung. Dumm nur, dass wir beide schlechte Beifahrer sind. Aber zum Glück war ich ja der Instruktor. (lacht)
„Offenes Visier und ohne linke Spielchen.“
Sie hatten einige finnische Teamkollegen. Wie war Ihr Verhältnis?
Um ehrlich zu sein, ist das mit den Teamkollegen eine spezielle Sache. Man sollte ja schon zusammenarbeiten, aber der andere hat halt das gleiche Material, und den will und sollte man zuerst schlagen. Aber die Finnen waren mir am liebsten – ganz andere Typen als Italiener oder Franzosen. Natürlich waren sie auch Rivalen, aber eben mit offenem Visier und ohne linke Spielchen. Hannu (Mikkola) war ein echter Gentleman und ein großartiger Mensch. Als wir bei der ersten Monte ein Reifenthema innerhalb des Teams hatten, war ihm das eher unangenehm. Markku (Alén) war ein echter Allrounder und auch auf Asphalt richtig schnell. Er machte keinen Hehl daraus, dass er mich schlagen wollte. Aber das war eben immer sauber. Ich glaube, ich hätte auch gekotzt, wenn ich bei Fiat oder Lancia gewesen wäre und da einer gekommen wäre und mir den Titel versaut hätte. Den Ari (Vatanen) treffe ich noch ab und zu, zuletzt bei der Histo-Monte. Auch mit ihm konnte ich über alles reden. Bei aller Rivalität standen Fairness und Kameradschaft bei ihnen allen weit oben.
Und wie war der unvergessene Henri Toivonen?
Er war vielleicht das größte Talent. Aber er hatte einen gefährlichen Geschwindigkeitsrausch. Auf der ersten Prüfung war er 20 Sekunden langsamer, auf der zweiten zehn, auf der dritten fünf, und dann ist er meist abgeflogen. Er war fürchterlich schnell. Aber vielen von uns war klar, dass das irgendwann schiefgeht. Auch Ari hatte bei seinem Unfall in Argentinien ja richtig Glück. Schaut nur, wie die heutigen Autos landen – unglaublich! Mit den Autos und Fahrwerken von früher war das eine ganz andere, extreme Gratwanderung.
„Die saubere Linie ist eben auch die risikoreichere.“
Haben Sie sich darüber mit Ihren damaligen Teamkollegen unterhalten?
Wir hatten eher andere Gesprächsthemen. (lacht) Aber klar sprachen wir auch über das Risiko und den Fahrstil. Die Finnen waren von klein auf auf Schotter unterwegs und sind eben gedriftet. Der eine oder andere hat zwar versucht, etwas weniger querzufahren, vor allem, wenn er in Portugal oder auch Neuseeland meine Zeiten gesehen hat. Aber beim Rallyefahren geht es mehr um Gefühl und Instinkt als auf der Rundstrecke. Man kann den Fahrstil vielleicht anpassen, aber nicht wirklich verändern. Allerdings ist auf einer Rallyepiste, auf der man nicht jede Ecke kennt, das Querfahren um einiges sicherer, weil man in einem kontrollierten Drift immer noch reagieren und die Linie ändern kann. Ich komme vom Skifahren. Auch dort ist die saubere Linie die schnellere, aber eben auch die risikoreichere.
Hand aufs Herz: Hatten Sie Angst vor den Lokalhelden, oder warum sind Sie nie in Finnland gestartet?
Moment, 1974 bin ich bei der Arctic Rally gestartet, aber auf der vierten Prüfung war dann der Motor des Ascona hin. Nicht schön, aber für mich okay. Denn schon das Anlehnen an den Eiswänden war für mich nichts. Ich fahre doch nicht absichtlich gegen eine Wand. Wer das bei der Monte oder auf Korsika probiert, ist früher oder später tot.
„Auch auf Schotter beginnt für mich Rallyefahren jenseits der 130.“
Warum dann nie die Rallye Finnland?
Ganz einfach: Ein Auto sollte auf der Straße fahren und nicht durch die Luft fliegen. Ich habe schließlich einen Führer- und keinen Flugschein. Markku hat mir bestätigt, dass man eine Kuppe nicht wie eine Kurve einschätzen kann, schon gar nicht mit den damaligen Fahrwerken. Unsere Autos sind wie Steine durch die Gegend gehopst. Für mich war klar: Ich will nicht monatelang durch den finnischen Wald hechten, nur um dort eine Rallye zu fahren. Zumal mir das Springen nicht nur körperlich wehtat. Für mich war das einfach unnatürlich. Schade nur, weil für mich Rallyefahren auch auf Schotter jenseits der 130 km/h beginnt. Da trennen sich die Bübchen von den Buben. In Neuseeland gab es richtig schnelle Schotterpisten, alles im fünften Gang mit leichten Wellen, aber eben ohne Sprünge. Da habe ich Hannu, Markku oder Björn schon mal 20 Sekunden eingeschenkt. Ich liebte schnelle Schotterpisten, nur sollte das Auto eben auf dem Boden bleiben. Auch wenn ich persönlich die Rallye Finnland nicht vermisse, schaue ich heute noch gerne zu, was die Topfahrer dort mit ihren Autos anstellen. Das einmal aus der Nähe zu sehen, wäre vielleicht noch etwas.

