Oliver Solberg hat bei der Rallye Estland bewusst auf kontrolliertes Risiko gesetzt. Nach seinem Ausfall bei der Akropolis-Rallye Griechenland wollte der Toyota-Pilot vor allem wieder eine saubere Rallye absolvieren und seine Saison stabilisieren.
Der Unfall in Griechenland hatte Solberg nach eigener Aussage stärker belastet als jede andere Rallye zuvor. Entsprechend groß war der Druck vor Estland, wo der 24-Jährige im vergangenen Jahr seinen ersten WRC-Sieg gefeiert hatte. Die hohen Erwartungen konnte er diesmal nicht vollständig erfüllen, dennoch wertete er Rang zwei als wichtigen Schritt.
Zu Beginn der Rallye fehlte Solberg das Vertrauen, das ihn zwölf Monate zuvor ausgezeichnet hatte. Im Verlauf des Wochenendes verbesserte sich sein Gefühl für den Toyota GR Yaris Rally1, doch im direkten Vergleich mit Sami Pajari verzichtete er darauf, permanent bis an die Grenze zu gehen.
„Nach Griechenland war das mental die schwierigste Rallye“, sagte Solberg. „Auch Estland war schwierig, weil man mehr will und weiß, dass man mehr kann. Auf einigen Prüfungen ist mir das gelungen. Entscheidend war, mich selbst zu kontrollieren. Wenn ich mich nicht vollständig wohlfühle, ist das in Ordnung.“
Pajari fand früh einen sehr guten Rhythmus und dominierte den größten Teil der Rallye. Solberg sah ein, dass er deutlich mehr Risiko hätte eingehen müssen, um das Tempo seines Teamkollegen mitzugehen.
„Es war eine schwierige Woche, und ich hatte das ganze Wochenende etwas Angst davor, zu 100 Prozent zu fahren“, erklärte Solberg. „Sami hatte ein großartiges Gefühl und hat einen großartigen Job gemacht. Um ihn zu erreichen, hätte man viel riskieren und permanent am Limit fahren müssen. Nach allem, was passiert ist, war ich diesmal nicht bereit dazu.“
Stattdessen konzentrierte sich der Schwede darauf, ohne Fehler durchzukommen und auf sein Gefühl zu hören. Am Sonntag erhöhte er das Tempo noch einmal und sicherte sich sowohl die Super-Sunday-Wertung als auch die Power Stage. Mit insgesamt 27 WM-Punkten blieb er nur einen Zähler hinter Rallyesieger Pajari.
Für Solberg war das Ergebnis auch eine Lektion für den weiteren Titelkampf. „Ich weiß, dass ich Rallyes gewinnen kann, und ich habe oft genug gezeigt, dass ich an der Spitze kämpfen kann. Aber für eine Meisterschaft ist es genauso wichtig, die richtige Balance zu finden. Manchmal gewinnt man, manchmal steht man auf dem Podium.“
Rückblickend hätte er diese Haltung gerne schon früher in der Saison angenommen. „Ich wünschte, ich hätte das etwas früher akzeptiert. Das lässt sich im Nachhinein natürlich leicht sagen. Trotzdem bin ich sehr zufrieden.“
Vor der Rallye Finnland sieht sich Solberg mental wieder in einer besseren Position. „Ich bin zumindest deutlich mehr im Reinen mit mir selbst und mit allem“, sagte er. Gemeinsam mit dem Team habe er am Auto gearbeitet und eine komfortablere Abstimmung gefunden.
Die Rallye Finnland bringt dennoch eine neue Herausforderung. Einige Prüfungen wurden verändert oder neu in die Route aufgenommen, während viele Konkurrenten den Lauf sehr gut kennen. Solberg sieht darin aber keinen Nachteil: „Es ist schön, wieder mit einem guten Gefühl anzutreten.“