Legendäre Prüfung

IVG-Gelände: WP mit Knalleffekt

Die Pulverfabrik „Anlage Karl“ in Liebenau, die bei der Rallye Sulinger Land und zur Rallye Buten un Binnen befahren wird, ist für Zuschauer weitestgehend gesperrt bleibt. Oder sagen wir: blieb ...

Was ist denn das nun aber überhaupt für eine geheimnisvolle Wertungsprüfung, dieses IVG-Gelände? Zu allererst ist sie einmal wegen akuter Brand- und Unfallgefahr für Zuschauer weitestgehend gesperrt. Lediglich die ersten Meter dürfen geschaut werden, der Rest des rund 900 Hektar großen Waldgeländes bleibt nur den Fahrern vorbehalten. Und warum wird darum so ein Theater veranstaltet?

Rückblick ins Jahr 1939. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und die Insassen eines Arbeitserziehungslagers wurden von der Eibia GmbH rekrutiert, um eine gigantische Pulverfabrik in Liebenau zu errichten. Das Grundstück dafür war zu dieser Zeit noch zu großen Teilen im Besitz des Schlossherren zu Eickhof, Major a.D. Eduard von Eickhof-Reitzenstein, der das Gelände für 3.160.207 Reichsmark an die Pulverfabrikanten abtrat. 

392 Gebäude wurden auf dem Gelände bis zum Kriegsende errichtet, 21 davon unterirdisch! Letztere insbesondere für die Nitroglycerin-Produktion. Über 40.000 Tonnen Pulver verließen zur Kriegszeit das Gelände. Die oberirdischen Gebäude bepflanzte man mit Bäumen und Sträuchern, damit sie aus der Luft nicht zu erkennen waren. Und einen weiteren Trick ließ man sich für feindliche Flieger einfallen: Manche Gebäude wurden wie ganz normale Wohnhäuser erstellt, damit das dichte Wegnetz auf dem Gelände so aussah, als würde es lediglich eine Wohnsiedlung miteinander verbinden. 

Und dieses Wegnetz hat es in sich: Ein 42 Kilometer langes Schienennetz durchkreuzt 84 Kilometer Straßen und Sträßchen! Ein Schlaraffenland für eine Wertungsprüfung. Auch noch heute. Denn obwohl sogar die Sprengköpfe für die Marschflugkörper V1 auf dem Gelände produziert wurden, blieb die gesamte Anlage während des Krieges vollkommen von Luftangriffen verschont.

Trotzdem hat sich auf dem Gelände seit Kriegsende ein bisschen was verändert. Der Werdegang der „Anlage Karl“ im Schnelldurchlauf: 1945 von den Engländern besetzt und zum Munitionssammellager umfunktioniert. 1947 wurden die Produktionsstätten demontiert und in andere Länder exportiert, die Bedarf an Waffenproduktion hatten. 7.940 Tonnen Material wurden vom Gelände geschafft. Die Gebäude blieben weitestgehend erhalten, nur die Nitroglycerin-Lager wurden gesprengt. 

Im September 1951 ging das Gelände an den heutigen Besitzer, die Industrieverwertungsgesellschaft IVG. Diese verwaltet, verpachtet und vermietet die Fläche seitdem. Teils an die Bundeswehr, teils an die Dynamit Nobel AG, oder auch an die niedersächsische Landessammelstelle für radioaktive Abfälle.

Langsam wird Ihnen klar, warum nicht jeder Rallyefan mit Grillkohle und Feuerzeug alleingelassen durch die Wälder spazieren sollte, stimmt’s? Zumal bis heute noch Feuerwerkskörper in den Gebäuden gelagert werden. Bombenstimmung wäre also garantiert! 

Die Fahrt über das Gelände ist wie in einem Film, dem man die Kulisse aber niemals abkaufen würde. Zu unwirklich scheinen die Straßen, die Ruinen, der dichte Bewuchs. Der Notizblock sagt: „Weitgehend enge Straßen, schöne, schnittige Kurven, Hügel, geteerte Straßenoberfläche, verziert durch Laub und Steine, umgeben von wildwachsenden Bäumen und Büschen, Steinwänden und Mauern, verrosteten Zäunen und Schienen, ausgedienten Eisenbahnwaggons, Treppenaufgängen, plötzlich auftauchenden Rehen und vom Krieg gezeichneten Gebäuden Die Strecke ist nicht nur biologisch durch den geringen Eingriff anthropogener Art in ihrer Pflanzenvielfalt wertvoll, sondern vor allem auch fahrtechnisch sehr anspruchsvoll. Oder wie es unser Tourguide Herr Riedemann es formulierte: ‚Das Erbrechen der Beifahrer bei dieser Strecke ist nicht ausgeschlossen!’“

Die Kulissen sind für Fotos einmalig. Ich muss unbedingt noch mal wiederkommen. 84 Kilometer Wege ziehen sich durchs Gelände. Der Wahnsinn. Obwohl die beiden „üblichen“ WPs nur 7,5 beziehungsweise 10,5 Kilometer lang sind, merkt man selbst beim vorsichtigen Befahren, dass hier nur gewinnen kann, wer sich auskennt.

Wie in einem Labyrinth glaubt man immer wieder an die gleichen Stellen zu kommen, dieselben Gebäude zu sehen. Glaubt man. Tut man aber nicht. Die zugewucherten Sträßchen in dem verwunschenen Wald mit den immer gleichen Ruinen täuschen nur Ähnlichkeit vor. Wer hier aus dem Aufschrieb kommt, ist verloren. Und zwar nicht nur für die WP sondern für die nächsten vier Wochen. Zweimal haben wir Herrn Riedemann verloren (Sie haben es nicht gemerkt, Herr Riedemann, wir aber!), weil wir zu forsch hinter Ihnen um ein Eck gebogen sind, welches Sie längst in die andere Richtung verlassen hatten.

Besonders gemein: Die garstigen Absätze am Fahrbahnrand. Messerscharf endet der Asphalt, wer hier eine Kurve schneidet, sollte eifrig Reifenwechsel geübt haben an den Tagen zuvor. Obwohl, quatsch, er hat ja hier dann Gelegenheit genug!

Als die Besuchszeit zu Ende geht, werfe ich mich weinend auf den Boden und trommle. Kein Rallyefahrer, kein Rallyefan und erst Recht kein Fotograf dieser Welt möchte dieses Gelände wieder freiwillig verlassen. 

Quelle: "rallye - Das Magazin", Ausgabe 10/2009

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