Es ist nicht so, dass er nicht selbst schuld wäre. Bei Fiat hätten sie ihren Walter so gern behalten, aber irgendwie war dem Röhrl nach Heimat. Bei Audi war der rote Teppich ausgerollt, aber der Bayer ziert sich, diesen komischen Allrad-Fünfzylinder aus Bayern zu fahren. Beim Daimler hat er unterschrieben und sich mit seinen düsteren Saisonprognosen selbst den Teppich unter den Füßen weggezogen, weil sie in Untertürkheim die Rallye-Sinnfrage plötzlich negativ beurteilt haben. Da steht er nun, der stolz war, in seiner Karriere noch keine fünf Mark eigenes Geld in sein Steckenpferd gesteckt zu haben, „und nun bin ich Weltmeister und muss betteln, nur um fahren zu können.“
Er schlägt sich bei Renault durch, fährt im R5 Turbo-Pokal neben Jean Ragnotti auf der Rundstrecke, es ist ein bisschen schräg, so wie Sitting Bull bei der Wildwest-Show von Buffalo Bill. Aber das alles hat auch sein Gutes. Nachdem sie in Stuttgart-Untertürkheim den Stecker gezogen haben, klingelt die andere Neckarseite durch. Erstens entrüstet man sich in Zuffenhausen, dass der beste Mann der Branche auf der Straße steht. „Für uns war das nicht anzusehen“, sagt Rennleiter Manfred Jantke. Zweitens gibt es bei aller Rundstreckenlastigkeit der Firma Porsche eine Guerilla-Abteilung, die ganz unverhohlen ihrer Rallye-Leidenschaft frönt.
Der junge Ingenieur Roland Kussmaul und der spätere Kundensportchef Jürgen Barth haben schon sieben Einsätze mit dem Porsche 924 Carrera GTS hinter sich, zuletzt bei der Monte 1981, bei der Walter Röhrl zuschauen musste. Sie sind mit dem Turbo-Hecktriebler Siebter in Antibes geworden und denken: Mit dem Transaxle-Antrieb (Motor vorn, Getriebe hinten) müsste doch noch mehr gehen.
Porsche entschließt sich, ein Auto für die deutsche Meisterschaft vorzubereiten, zum vierten Lauf, der Metz-Rallye, ist der Apparat fertig. Mit 256 PS steht das Ding stramm im Strumpf, nur ist die Leistungsentwicklung mit Turboloch und anschließender Explosion dann doch ein bisschen digital. Welche Ironie. Derselbe Röhrl, der sich beim geheimen Quattro-Test im Winter mokierte, dass das Ding stur untersteuernd um kein Eck wollte, plagt sich nun mit einem Sportgerät, das an jedem der zahlreichen Abzweige in der DRM heftigst übersteuert.
Sponsor sorgt für Farbe
Es ist trotzdem der erwartete große Aufschlag. Mit dem Likörhersteller Monnet ist ein solventer Sponsor gefunden, das Auto und die Service-Flotte leuchten in Gold und Schwarz, und angeführt von Sportchef Jantke tummeln sich diverse Porsche-Männer in der Etappe. Weil Porsche keine eigene Rallyeabteilung hat, wird der Einsatz vom Team von Konrad Schmidt aus Nürnberg geführt. Auch wenn das Auto noch ein bisschen unausgegoren ist, führt Röhrl alsbald mit zwei Minuten, bis die Ölpumpe streikt. Der Ausfall lässt sich vermeiden, weil die Prüfung wegen eines auf der Piste herumirrenden Zivilistenfahrzeugs neutralisiert wird. Kaum haben Röhrl und Christian Geistdörfer die Führung zurückerobert, bricht die Hinterachsschwinge.
Es gewinnt trotzdem ein Porsche. Manfred Hero jubelt in seinem 911 Carrera nach dem Heimspiel im Saarland über seinen zweiten Saisonsieg, und trotzdem ist er nicht so richtig happy. Dass die beiden WM-Stars das Auto trotzdem auf Rang zwei ins Ziel gebracht haben, lässt die Branche Böses ahnen. Wie wird das erst, wenn das Ding mal ordentlich läuft?
Die Antwort gibt Walter Röhrl mit verstärkter Hinterachsschwinge, überarbeiteter Vorderachskinematik und verbesserter Bremskraftverteilung beim nächsten Lauf in Hessen. Und bei der „Serengeti-Safari-Rallye“ rund um einen Freizeitpark in Niedersachsen, in der Vorderpfalz und bei der Baltic-Rallye. Außer im Hunsrück, wo die harten Pisten des Truppenübungsplatzes Baumholder gleich zwei Radträger weichklopfen, gewinnt Röhrl überall, wo er am Start steht, und lässt – abgesehen vom sich tapfer wehrenden Jochi Kleint im Ascona 400 – die nationale Elite aussehen wie eine Schülermannschaft bei einem Profi-Turnier.
Die kann sich dennoch entspannen. Manfred Hero hat als regelmäßiger Starter die besseren Titelchancen, Schmidt Motorsport geht aus strategischen Gründen mit Salzburger Bewerbung an den Start, womit Walter Röhrl nicht mehr punktberechtigt ist. Ohnehin ist schon im Sommer klar, dass er sein Heimspiel, das Finale, die 3-Städte-Rallye in Bayern, nicht bestreiten wird, denn Porsche plant einen viel größeren Coup.
Für diesen Einsatz bedient man sich als Einsatztruppe der Gebrüder Almeras, einer Top-Adresse aus Frankreich. Jean-Pierre Nicolas hat 1978 mit einem Almeras-Porsche ohne Werksunterstützung die Monte gewonnen, und Jean-Luc Therier 1980 auf Korsika. Der 924 ist schön und gut, aber am Ende aller Tage fehlen ihm Traktion und Leistung, und das Turboloch bleibt ein Problem. In Zuffenhausen glaubt man seit jeher eher an den Elfer, und weil Barth und Kußmaul gern in die Rallye-WM wollen, bereiten sie einen rund 300 PS starken 911 vor, mit dem Röhrl bei der Rallye San Remo die Quattros schlagen soll. Die beginnt und endet mit einer Asphalt-Etappe auf ligurischen Asphaltpisten, dazwischen steht ein langer Schlenker über die Schotterstraßen der Toscana auf dem Programm. Kußmaul und Röhrl haben alles durchgerechnet. Röhrl führt planmäßig auf festem Untergrund, verliert auf Schotter weniger als kalkuliert und auf den asphaltierten letzten Prüfungen wird er die Audis aufsaugen.
Schmerzhafter Ausfall
Der neue Porsche-Rennleiter Peter Falk soll zum Zieleinlauf eingeflogen werden, um nach der Rückkehr von der Heldentat zu berichten und den Vorstand dazu zu bringen, neben dem neuen Le-Mans-Projekt mit dem 956C auch ein Rallyeprogramm zu starten. Wenn der Elfer eine Schwäche hat, ist es der begrenzte Ausfederweg, zuweilen rupft es die Antriebswellen aus dem Gelenk. Schon bei der Manx-Rallye, die Röhrl im September zur Vorbereitung fährt, ist er so ausgefallen, und die Mission San Remo scheitert aus dem gleichen Grund, was Röhrl bis heute schmerzt.
Nach der Mercedes-Erfahrung will der kurz vor der Entthronung in Abwesenheit stehende Champion auf keinen Fall im kommenden Winter wieder zwischen Baum und Borke enden. Weil bei Lancia noch nicht richtig abzusehen ist, wann der neue Gruppe-B-Renner 037 einsatzbereit ist, unterschreibt Röhrl ein weiteres Mal bei Opel, wo er erneut den WM-Titel gewinnt und eine weitere Rallye Monte Carlo. Dort stehen auch Barth und Kußmaul mit dem 924 Carrera am Start. Als Gesamt-Zehnte feiern sie im Fürstentum ihren größten Rallye-Erfolg.
TEXT Markus Stier für WALTER #28



