Aus einem ohnehin engen Titelkampf ist durch den Wegfall der Rallye Saudi-Arabien ein echtes Finale geworden. Die Rally Italia Sardegna vom 1. bis 4. Oktober bildet den 13. und letzten Lauf der Rallye-Weltmeisterschaft 2026. Elfyn Evans führt die Fahrerwertung mit 230 Punkten an, Sami Pajari folgt mit 213 Zählern, Oliver Solberg hat 209 Punkte.
Die Rechnung ist komplizierter als ein Blick auf das Rallye-Ergebnis vermuten lässt. Für die Gesamtwertung gibt es 25 Punkte für den Sieg, 17 für Platz zwei, anschließend 15, 12, 10, 8, 6, 4, 2 und einen Punkt bis Rang zehn. Zusätzlich werden für die reine Sonntagswertung fünf, vier, drei, zwei und ein Punkt vergeben. Das gleiche Schema gilt für die abschließende Power Stage. Ein Fahrer kann in Sardinien damit maximal 35 WM-Punkte sammeln.
Evans: 19 Punkte reichen in jedem Fall
Evans hat mit 17 Punkten Vorsprung die komfortabelste Ausgangsposition. Holt der Waliser in Sardinien mindestens 19 Punkte, ist ihm der WM-Titel unabhängig von den Ergebnissen seiner beiden Toyota-Teamkollegen nicht mehr zu nehmen. Er würde dann mindestens 249 Punkte erreichen, während Pajari selbst mit der maximalen Ausbeute nur auf 248 käme.
Ein Sieg mit seinen 25 Punkten würde Evans deshalb sofort zum Weltmeister machen. Dafür benötigt er weder Punkte aus dem Super-Sonntag noch aus der Power Stage.
Auch ohne Rallyesieg kann Evans die Sache aus eigener Kraft entscheiden:
- Platz 2: mindestens zwei zusätzliche Sonntagspunkte
- Platz 3: mindestens vier zusätzliche Sonntagspunkte
- Platz 4: mindestens sieben zusätzliche Sonntagspunkte
- Platz 5: mindestens neun zusätzliche Sonntagspunkte
Ab Platz sechs gibt es keine Kombination mehr, mit der Evans den Titel unabhängig von Pajari und Solberg sicherstellen kann. Rang sechs bringt acht Punkte. Selbst mit der maximalen Ausbeute von zehn zusätzlichen Punkten am Sonntag käme Evans dann lediglich auf 18 Zähler und müsste auf die Ergebnisse seiner Konkurrenten schauen.
Pajari: 17 Punkte Rückstand aufholen
Pajari geht mit 213 Punkten und damit 17 Zählern Rückstand auf Evans ins Finale. Will der Finne den Tabellenführer auf jeden Fall nach Punkten überholen, muss er in Sardinien mindestens 18 Punkte mehr holen als Evans. Bei genau 17 Punkten Differenz wären beide punktgleich.
Dabei spricht die Zahl der bisherigen Rallyesiege zunächst für Pajari: Er hat in dieser Saison drei Läufe gewonnen, Evans zwei. Bei Punktgleichheit entscheidet zuerst die Anzahl der Siege, anschließend die Zahl der zweiten Plätze, dritten Plätze und so weiter. Welche Konstellation bei einem Gleichstand tatsächlich entscheidet, hängt deshalb auch vom Ergebnis auf Sardinien ab.
Am einfachsten lässt sich Pajaris Situation mit dem Maximalergebnis erklären: Gewinnt er die Rallye sowie Super-Sonntag und Power Stage, holt er 35 Punkte und beendet die Saison mit 248 Zählern. Evans dürfte dann höchstens 18 Punkte sammeln. Bei 18 Punkten käme auch Evans auf 248, Pajari hätte durch seinen Sardinien-Sieg jedoch vier Saisonsiege gegenüber zwei von Evans und würde den Titel im Countback gewinnen.
Solberg kann in diesem Fall nicht mehr eingreifen. Selbst seine theoretisch maximal möglichen 244 WM-Punkte würden nicht ausreichen.
Solberg braucht Hilfe
Für Solberg ist die Aufgabe am schwierigsten. Der Schwede startet mit 209 Punkten und damit 21 Zählern Rückstand auf Evans sowie vier Punkten Rückstand auf Pajari. Um beide Konkurrenten ausschließlich über die Punktzahl hinter sich zu lassen, muss Solberg mindestens 22 Punkte mehr holen als Evans und mindestens fünf mehr als Pajari.
Seine beste Ausgangslage wäre ein perfektes Wochenende mit Rallyesieg, Platz eins im Super-Sonntag und Bestzeit auf der Power Stage. Mit diesen 35 Punkten käme Solberg auf insgesamt 244 Zähler.
Dann dürfte Evans höchstens 14 Punkte holen. Mit 14 Punkten käme Evans ebenfalls auf 244. Solberg hätte durch den Sieg auf Sardinien aber seinen dritten Saisonsieg gefeiert, Evans bliebe bei zwei Siegen. Der Schwede würde den direkten Vergleich damit für sich entscheiden. Schon 15 Punkte für Evans wären in dieser Konstellation einer zu viel: Evans käme damit auf 245 Punkte und läge einen Zähler vor Solberg.
Pajari wäre bei einem perfekten Solberg-Wochenende deutlich eingeschränkt. Wenn Solberg sowohl die Rallye als auch beide Sonntagswertungen gewinnt, kann Pajari in diesen drei Kategorien zwangsläufig nicht ebenfalls die Höchstpunktzahl holen. Solberg muss deshalb vor allem darauf hoffen, dass Evans einen vergleichsweise punktarmen Lauf erlebt.
Darum kann die Power Stage entscheiden
Die Besonderheit des aktuellen Punktesystems macht eine frühe Entscheidung schwierig. Bis zu zehn der 35 möglichen Punkte werden erst am Sonntag über zwei voneinander getrennte Wertungen vergeben: fünf für die komplette Sonntags-Etappe und weitere fünf für die Power Stage.
Ein Fahrer kann deshalb im Rallye-Gesamtklassement hinter seinem Titelrivalen liegen und am Sonntag trotzdem entscheidende Punkte zurückholen. Für Evans lautet die klare Zielmarke 19 Punkte. Bleibt er darunter, können Pajari und Solberg den Titelkampf bis in die letzte Wertungsprüfung der Saison offenhalten.

