Rallye News

Heiße Drifts auf kaltem Eis

Die Art und Weise, wie die Stars der Rallye-WM ihre Boliden über die Sonderprüfungen der Rallye Schweden treiben, erstaunt Außenstehende Jahr für Jahr aus Neue.

<strong>Wintermärchen:</strong> Die WRC beim Schneewalzer in Schweden

Bei Straßenverhältnissen, die Otto-Normalautofahrer richtigerweise zu äußerster Vorsicht veranlassen, begeben sich die Rallye-Piloten mit ihren Turbo-Allradlern bei Geschwindigkeiten von teilweise über 200 km/h auf die Jagd nach Zehntelsekunden. Der skandinavische WM-Lauf gehört zu den schnellsten Veranstaltungen im gesamten Kalender.

 

Die Piloten vertrauen dabei nicht nur auf die Leistung ihrer Spike-Reifen, sondern passen auch ihren Fahrstil den so genannten ?Bobbahnen? an: So ?lehnen? die Driftkünstler ihre Autos gerne an den hohen Schneewänden an, die die Strecke rechts und links begrenzen. Dadurch verleihen sie ihnen bei Lenk- und Bremsmanövern zusätzliche Stabilität - unabdingbar für schnelle WP-Zeiten.

 

Bei falscher Technik blüht den Piloten allerdings Ungemach: Wer beim ?Anlehnen? einen falschen Winkel wählt, geht das Risiko ein, dass der Wagen in den Schneebänken stecken bleibt oder sie gar durchbricht. Gleiches gilt für den Fall, dass eine zu milde Witterung den Schneewällen nicht die entsprechende Stabilität beschert.

 

Nachdem in den vergangenen Wochen rund um das Rallye-Zentrum Karlstad eine eher milde Witterung vorherrschte und es erst in den vergangenen Tagen zu schneien begann, herrscht unter den WRC-Protagonisten eine gewisse Unsicherheit, in welchem Zustand sich die Pisten bei der einzigen Winter-Rallye im Kalender präsentieren werden. Dieser Frage kommt umso größere Bedeutung zu, da sich die Fahrer in diesem Jahr für ein einziges Laufflächenprofil entscheiden müssen und nicht wie zuvor auf zwei verschiedene Reifentypen zurückgreifen dürfen.

 

Die Michelin-Teams haben die Wahl zwischen ?GA? (für Schnee) und dem ?GE? (asymmetrisches Profil für überwiegend eisige Abschnitte). Die Piloten müssen sich dabei im Vorfeld der Rallye Schweden für eine der beiden Optionen entscheiden, da ihnen das Regelwerk im Vergleich zu den Vorjahren keine zwei verschiedenen Laufflächenprofile mehr gestattet.

 

Die Lauffläche der beiden 16-Zoll-Pneus ist lediglich 100 Millimeter breit, bietet aber bis zu 380 vom Reglement erlaubten Spikes Platz. Die schmale Lauffläche sorgt dafür, dass die maximal 20 Millimeter langen Eisenstifte mit hohem Druck durch die obere Schneeschicht gepresst werden, um in den darunter liegenden, festeren Schichten Grip aufzubauen. Bei 120 km/h berührt beispielsweise jeder einzelne Stahlnagel 17 mal pro Sekunde die Fahrbahn. Das sehr weite Profilmuster hilft dabei, den losen Schnee seitlich abzuleiten. Besonders problematisch: Auf Wertungsprüfungen, auf denen keine durchgehende Schicht der weißen Pracht mehr liegt, sollte der frei liegende Schotter möglichst wenig Spikes aus der Lauffläche reißen.

 

Im vergangenen Jahr fiel eines der letzten Bollwerke in der Rallye-Weltmeisterschaft: Citroën-Pilot Sébastien Loeb gelang als erstem Nicht-Skandinavier das Kunststück, die Rallye Schweden zu gewinnen. Der Xsara WRC-Drifter erlaubte sich auf dem spiegelglatten Parkett nördlich des Rallye-Zentrums Karlstad kaum einen Fehler, profitierte aber auch vom Pech seiner Herausforderer: Peugeot- und Michelin-Pilot Marcus Grönholm büßte die meisten Chancen auf seinen vierten Sieg bei der einzigen reinen Schnee-Veranstaltung des WM-Kalenders bereits auf der dritten von 19 Wertungsprüfungen durch einen Servolenkungs-Defekt ein.

 

Daraufhin übernahm Markko Märtin die Führung, die er jedoch nur bis zur WP 11 verteidigen konnte: Der Este fiel weit zurück, als er sich die hintere linke Radaufhängung seines Ford Focus WRC an einem Stein zerstörte, der sich hinter einer Schneewand verbarg.

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