Die Solbergs: Eine schrecklich schnelle Familie

Motorsport als Familienangelegenheit hat in Skandinavien Tradition. Doch selbst nach nordischen Maßstäben ist die Familie Solberg aus Norwegen etwas Besonderes.

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Motorsport als Familienangelegenheit hat in Skandinavien Tradition. Doch selbst nach nordischen Maßstäben ist die Familie Solberg aus Norwegen etwas Besonderes.

Da sind die Brüder Petter und Henning. Petter ist gleich in zwei Disziplinen Weltmeister, Rallye (2003) und Rallycross (2014 und 2015). Das hat außer dem 43-Jährigen noch keiner geschafft. Der zwei Jahre ältere Henning ist unter anderem fünfmaliger norwegischer Rallyemeister und kann 128 Starts in der Rallye-WM vorweisen. Hinzu kommt Pernilla, Petters Frau, die wie ihr Vater Per-Inge Walfridsson, erfolgreich im Rallye-Sport unterwegs war. Und die nächste Generation ist auch schon am Start: Petters Sohn Oliver zählt bereits zu den schnellsten Nachwuchspiloten im Rallycross und im Rallye-Sport. 

1982 werden Petters und Hennings Eltern Terje und Tove vom Autocross-Fieber gepackt. Schnell. Ehrlich. Preiswert. Das sind die einfachen, aber schlagkräftigen Argumente für diese ursprüngliche Form des Motorsports, die in Skandinavien viele Fans hat. Die Solbergs gehen im Volkswagen Käfer an den Start. Die begeisterten Schrauber Henning und Petter bereiten die Autos auf die Rennen vor. 

Bereits mit zehn Jahren ist Petter ein mehr als passabler Mechaniker. Eine Ausbildung zum Maler und Lackierer beginnt er nur, damit ihm vor lauter Schrauberei nicht langweilig wird. Schnell jedoch kehrt er zu seiner Leidenschaft zurück lernt stattdessen Kfz-Mechaniker.

Zu diesem Zeitpunkt will Petters spätere Frau Pernilla vom Motorsport noch nichts wissen. Während ihr Vater bei Rallyes rund um den Globus an den Start geht, gilt ihr Interesse zunächst eher dem Reitsport. Mit 16 Jahren tauscht sie eine Pferdestärke gegen deutlich mehr PS – zunächst als Beifahrerin bei ihrem Vater, dessen Karriere sich aber schon langsam dem Ende zuneigt.

Als sie volljährig ist, wächst ihr Wunsch, die Plätze zu tauschen. Pernilla Walfridsson avanciert in der Folge zu einer der besten Rallye-Pilotinnen der Welt. Dass sie ihre Karriere bereits im Jahr 2000 im Alter von nur 27 Jahren beendet, hat einen maßgeblichen Grund: Sie ist schwanger mit Sohn Oliver. 

Petter, der Perfektionist

Ehemann Petter ist zu diesem Zeitpunkt Werksfahrer bei Ford in der Rallye-Weltmeisterschaft. Während sein Bruder Henning als guter Privatfahrer gilt und vereinzelt sportliche Ausrufezeichen setzt, hat Petter den Durchbruch geschafft: Mit Akribie und viel Talent ist er in der Beletage des Rallye-Sports angekommen. „Henning ist richtig schnell“, sagt Petter, „aber ihm reicht es oft, einfach nur dabei zu sein. Ich will immer gewinnen – um jeden Preis. Dafür kommt es auf Details an und ich bin Perfektionist.“

In einem Moment wäre dem perfekten Petter um ein Haar aber ein folgenschwerer Fehler unterlaufen: beim Heiratsantrag. Schauplatz Rallye Australien 2002. Petter und seine Crew haben alles gut geplant. Ein Boot auf dem Margaret River. Ein Gala-Dinner. Elvis Presleys „Love Me Tender“ aus den Boxen. Doch einen Tag vor der großen Frage bemerkt Petter, dass er den Verlobungsring in Norwegen vergessen hat. Ein guter Freund wird mitsamt dem Schmuckstück eingeflogen. Das Happy End ist perfekt. 2003 heiraten die beiden. Im selben Jahr wird Solberg Rallye-Weltmeister. Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt.

Neue Leidenschaft: Rallycross

Neun Jahre später, nach insgesamt 188 WM-Läufen und 13 Siegen, beendet Petter Solberg im Jahr 2012 seine Rallye-Karriere. Und wechselt zum Rallycross. Die Autos haben mit knapp 600 PS etwa doppelt so viel Leistung wie ein WRC-Auto. Die Rennen sind kurz und für ihre Härte bekannt. Petter findet sich auf dem neuen Terrain schnell zurecht. 2014 und 2015 wird er Weltmeister – mit seinem eigenen Team.

Er ist der Fahrer, Pernilla kümmert sich um die gesamte Organisation. Und Sohn Oliver ist immer mittendrin. Bei den gemeinsamen Abendessen der Familie Solberg gibt es nur ein Thema: Motorsport. Und zwar in allen Facetten. Sei es die Logistik oder die perfekte Linie auf der nächsten Strecke. „Motorsport ist sehr wichtig für uns, es ist unser Leben“, sagt Pernilla Solberg. „An einem Punkt in meinem Leben habe ich mich gefragt, ob ich nicht mal etwas ‚Normales‘ machen soll. Aber warum? Ich liebe Motorsport. Das ist, was ich bin.“

Im Jahr 2017 gründet die Familie Solberg mit Unterstützung von Volkswagen das Team PSRX Volkswagen Schweden. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Gleich im ersten Jahr gewinnt die Mannschaft in der Rallycross-Weltmeisterschaft beide Titel. Petters Teamkollege Johan Kristoffersson holt im Polo R Supercar die Fahrer-WM. Gemeinsam sichert sich das Duo den Team-Titel. 2018 wiederholt es den doppelten Triumph.

Während die Familie Solberg auf einer Farm im schwedischen Mitandersfors wohnt, hat das Team seinen Hauptsitz im rund 40 Kilometer entfernten Torsby, der Heimat von Pernilla. Petter ist Teambesitzer, Pernilla ist Teamchefin. Rund 20 Mitarbeiter beschäftigen sie dauerhaft. Gemeinsam haben sie noch eine Menge vor, auch wenn Petter den Platz hinter dem Lenkrad in absehbarer Zeit für andere Piloten frei macht. „Wir möchten weitere Titel mit dem Team feiern und junge Fahrer zu Weltmeistern machen“, sagt Petter.

Sohn Oliver eifert dem Vater nach 

Einer, der es schaffen kann, ist Sohn Oliver. Er hat zwar noch keinen Führerschein, darf aber dank Sonderregelungen bereits Rallyes in Lettland und Estland fahren, genauso wie die nordische Rallycross-Meisterschaft. „Er ist schneller als ich in seinem Alter“, lobt Vater Petter.

Geschichte geschrieben hat der Filius schon. Am 7. Oktober 2018 gewann er im Alter von 17 Jahren und 14 Tagen die RallyX Nordic und avancierte damit zum jüngsten internationalen Champion in einem Rallycross-Supercar. Hollywood hätte das Drehbuch nicht besser schreiben können, denn auf den Tag genau 38 Jahre zuvor hatte Pernillas Vater Per-Inge Walfridsson den Titel in der Rallycross-Europameisterschaft gewonnen. 

WM-Comeback mit Volkswagen

Auf Petter Solberg wartet in diesem Jahr derweil noch ein besonderes Highlight. Vom 25. bis 28. Oktober kehrt der 43-Jährige in die Rallye-Weltmeisterschaft zurück. 2.175 Tage, nachdem Solberg in Spanien seine vermeintlich letzte WM-Rallye bestritt, feiert er an gleicher Stelle ein Comeback. Für Volkswagen Motorsport fährt er den spanischen WM-Lauf im Polo R5, dem brandneuen Kundensport-Modell des viermaligen Marken-Weltmeisters. „Die Gelegenheit, mit Volkswagen ein WRC-Comeback zu feiern, ist einmalig und ich habe das Angebot sehr gern angenommen“, sagt Solberg. Seine Frau Pernilla bringt es auf den Punkt: „Rallycross ist fantastisch, aber der Rallye-Sport ist ganz tief in unseren Herzen, das ist unsere DNA.“