Skoda Octavia WRC: Nummer 10 lebt!

Im Januar 2002 hing sein Leben an einem abgebrochenen Telegrafenmast. Zum Glück hielt der Holzstumpf der Belastungsprobe stand, denn sonst wäre Chassis 10 nie der erfolgreichste Skoda Octavia WRC aller Zeiten geworden. Wir haben den dreifachen Landesmeister und 25-fachen Gesamtsieger in seiner Heimat besucht und mit seinen früheren Wegbegleitern gesprochen.

Die französische Telekom wird sicher nicht viele Dankesschreiben erhalten und schon gar nicht dafür, dass sie den Stumpf eines stillgelegten Telegrafenmasten nicht entfernt hat. An diesem 19. Januar 2002 hätte sie aber einen Briefkasten voller Danksagungen verdient gehabt. Die Absender: Roman Kresta, Jan Tománek und das Werksteam von Skoda Motorsport.

Was war passiert? Auf der siebten Prüfung der Rallye Monte Carlo verschätzen sich die Skoda-Werksfahrer in einer engen Linkskurve, ihr Skoda Octavia WRC schlägt breitseits gegen eine kniehohe Mauer, die sie eigentlich vor dem Absturz ins Var-Tal bewahren soll. Eigentlich. Denn beim Aufprall wird die Mauer zu Staub und Asche pulverisiert. Zwei Räder sind schon in der Luft, dem freien Fall steht eigentlich nichts mehr im Wege. Eigentlich. Wäre da nicht der oberschenkeldicke Holzstumpf, den die Telekom-Mitarbeiter sich selbst überlassen haben.

Obwohl der vorher schon abgebrochene Mast nicht einmal bis zur A-Säule ragt, schaffte er es, den 1.230 Kilo schweren Octavia WRC zum Stillstand zu bringen. Ob er den jungen Tschechen Kresta/Tománek das Leben gerettet hat, darüber kann nur spekuliert werden. Es steht aber außer Frage, dass nur dieses Stück Holz die Transformation vom World Rally Car zu einem Klumpen Altmetall verhindert hat. Das hat doch wohl ein Dankeschön verdient: Merci, France Telecom!

Heute trägt der Skoda Octavia WRC mit der Chassisnummer 10 wieder genau jene Farben wie bei dem kuriosen Unfall in den französischen Seealpen, der um ein Haar in einer Tragödie geendet wäre. Sogar die Startnummern erinnern an die Monte 2002. „Dieser Unfall hat das Auto weltberühmt gemacht“, weiß auch Christian Doerr, der den Octavia von 2010 bis 2015 sein Eigen nannte und seinem Nachfolger Volker Piepmeyer zu dieser Lackierung riet.

Das Kunstwerk ist aber noch nicht abgeschlossen, wie Volker Piepmeyer sagt. Auf den muskulösen Flanken des World Rally Cars werden noch vier Aufkleber hinzukommen, die an die große Geschichte von Nummer 10 erinnern: den Gewinn der Tschechischen Rallye-Meisterschaft 2001, die DRM-Titel 2002 und 2004 sowie die Vize-Meisterschaft 2003. Chassis 10 ist damit der einzige Octavia, der gleich drei Meisterschaften gewonnen hat – in einer Zeit, als Skoda nicht gerade auf der Welle des Erfolges schwamm.

Die Geschichte beginnt schon 1998

Die bewegte Geschichte des Autos begann aber schon weit vorher, damals noch als Chassis 01. Der heute im Münsterland beheimatete Octavia war tatsächlich das erste je in Mladá Boleslav gebaute World Rally Car. Seine ersten Kilometer spulte der Turbo-Allradler im Herbst 1998 ab. Das Wettbewerbsdebüt gab er aber erst unter der neuen Chassisnummer. Für die Rallye Monte Carlo 2000 drückte der damalige Skoda-Sportchef Pavel Janeba seiner Neuverpflichtung Luis Climent diesen Wagen in die Hand. Der zehnte Platz bei der Monte – im Schatten von Teamkollege Armin Schwarz – blieb das beste WM-Resultat dieses Wagens. 2001 folgte der Sieg in der tschechischen Meisterschaft durch Roman Kresta, der sein Meisterauto zur Belohnung bei drei WM-Läufen einsetzen durfte. Letzterer endete am eingangs erwähnten Telegrafenmast.

Nur sieben Wochen nach diesem Unfall begann das nunmehr dritte Leben des Octavia WRC: Chassis 10 wurde als „weißer Wal“ wiedergeboren. Aus Zeitmangel konnte Skoda Deutschland den Octavia vor der Premiere nicht ordentlich lackieren, also rückte das World Rally Car nur mit den nötigsten Sponsorenlogos beklebt zur Rallye Oberland aus. Die endgültige 2003er-Lackierung erhielt das Dickschiff erst zur Saisonmitte. Vor der Thüringen Rallye beklebten Teamkoordinator Stefan „Schnubbel“ Hohenberger und Beifahrer Peter Göbel den „weißen Wal“ auf dem Hotel-Parkplatz und ohne das Wissen von Skoda-Sportchef Nikolaus Reichert.

Auf den Prüfungen machten Göbel und sein kongenialer Chauffeur Matthias Kahle ihrem Chef mehr Freude: Das Dream-Team spielte die Vorteile seines World Rally Cars gegen die Gruppe-A-Konkurrenz gnadenlos aus. In drei Jahren gewannen sie 16 von 22 Läufen und zwei Meisterschaften. 2003 hinderten sie nur zwei Motorschäden an einem weiteren Titelgewinn.

Das Lieblingsauto von Matthias Kahle

„Wir waren jung, aber schon gefestigt in dem Sport“, blickt Kahle auf seine ersten Jahre bei Skoda zurück. „Der Octavia hatte mehr Leistung als der Seat und entsprach genau meinem Fahrstil mit einem leichten Hang zum Übersteuern. Das hat einfach gepasst. Es war eine schöne Zeit mit Peter und dem Auto.“ Dabei gerät der siebenfache Deutsche Rallye-Meister sogar ein kleines bisschen ins Schwärmen. Wer den Lausitzer kennt, der weiß, wie häufig solche Gefühlsausbrüche bei ihm vorkommen.

Bei der Frage nach seiner schönsten Erinnerung muss Kahle keine Sekunde überlegen: „Der Sprung bei der Rallye Wittenberg! Im ersten Durchgang haben wir noch gelupft, im zweiten sind wir volles Rohr drüber. Wir hatten 203, 204 Sachen drauf, da gingen schon die Scheibenwischer vom Fahrtwind hoch. Doch die Kuppe war viel ausgefahrener als im ersten Durchgang. Der Octavia stand schräg in der Luft! Wir waren vielleicht eine reichliche Sekunde in der Luft. Für mich hat sich das aber wie Minuten angefühlt.“ Sein ehemaliger Co ergänzt: „Wir wären fast auf der Türklinke gelandet. Das war unsere persönliche Mutprobe.“ Und das alles vor den Augen von Göbels Freundin und seinem besten Kumpel Markus Stier.


Das war aber nicht die einzige Schrecksekunde in den drei Octavia-Jahren. „Bei der Saarland-Rallye ist das Kardanmittellager gebrochen“, erzählt Göbel. „Die Vibrationen waren so stark, dass wir bei Tempo 170, 180 nichts mehr gesehen haben. Wirklich nichts. Das war so, als würde vor deinem Auge ein schwarzer Vorhang fallen. Düsenjet-Piloten erleben das auch. Dann haben wir gebremst und es ging wieder.“ Bei der Eifel-Rallye endete dasselbe Problem weniger dramatisch. Hier rüttelten die Vibrationen nur die Sicherungen aus ihren Steckplätzen. „Tripmaster, Tacho, Ganganzeige – alles war aus bis auf den Motor. Im Ziel der WP habe ich die Sicherungen dann wie Brotkrümel zusammengekratzt und einfach irgendwo wieder reingesteckt.“

Ablösung durch kompakten Fabia WRC

Zur Saison 2005 war die große Zeit des Octavia vorbei. Das Dickschiff wurde durch den 50 Zentimeter kürzeren Fabia WRC abgelöst. Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde sich das erfolgreichste Octavia-Chassis sang- und klanglos in den Ruhestand verabschieden – bis Kahles langjähriger Freund und Förderer Christian Doerr die Bühne betrat. Der Unternehmer aus Dresden saß bei Kahles erstem Test mit dem Octavia WRC im Frühjahr 2002 nebendran, jetzt wollte er Chassis 10 auch selbst bewegen. Für die Premiere hatte er die nationale Lausitz-Rallye auserkoren. Eine, wie er selbst verrät, ernüchternde Erfahrung. „Ich war mehr Passagier als Fahrer, das kannst du ruhig so schreiben“, schildert Doerr heute, womit sein Kapitel als WRC-Pilot auch schon wieder geschlossen wäre.

Trotzdem blieben Doerr und die Lausitz-Rallye Fixpunkte im Werdegang von Chassis Nummer 10. 2007 rief der Dresdner kurz vor dem Start bei seinem alten Kumpel an. „Wollen wir nicht zusammen die Lausitz-Rallye fahren?“, fragte Doerr den „Meister“, wie er Kahle selbst nennt. Der Meister – erstmals seit Jahren ohne offizielles Skoda-Cockpit – sagte ja, und das Duo fuhr im ollen Octavia hinter dem jungen Norweger Mads Östberg (Subaru Impreza WRC) auf Platz zwei.

2008 ackerte sich Kahle im Porsche 911 GT3 durch den Lausitzer Tagebau. Für Christian Doerr noch lange kein Grund, bei seiner Lieblingsrallye nur zuzuschauen. Er verpflichtete Ruben Zeltner als Chauffeur, der den Octavia unliebsam aufs Dach legte – übrigens der erste Unfall seit der Rettung durch den Telegrafenmasten. 2009 und 2010 lief es für Doerr und den Octavia – jetzt wieder mit Kahle als Fahrer – noch schlechter. Der Octavia stand jeweils in der Nennliste, rollte wegen Unstimmigkeiten mit dem Veranstalter bzw. einem Motorplatzer aber nicht einmal über die Startrampe.

Im Jahr 2011 gelang Doerr, der den Octavia WRC im Jahr davor erworben hatte, endlich der heiß ersehnte Gesamtsieg bei seiner Lieblingsrallye. Der Triumph im fünften Anlauf kam allerdings nicht mit seinem Stammfahrer Matthias Kahle zustande: Am Steuer des Octavia saß Ruben Zeltner. Der Einsatz sollte die Wiedergutmachung für das Desaster bei der Lausitz-Rallye 2008 sein. Und ausgerechnet Matthias Kahle war sein härtester Konkurrent. Er fuhr damals den Fabia S2000 von Skoda Deutschland und lag im Ziel nur fünf Sekunden hinter seinem Kumpel! „Das war schon eine seltsame Konstellation, Matthias als Gegner zu haben. Aber es sollte auch das einzige Mal bleiben“, meinte Doerr.

Rückkehr in den Octavia WRC #10

Dafür siegten Kahle/Doerr andernorts gemeinsam: Bei der Thüringen Rallye 2010, der Rallye Wartburg 2011 sowie im tschechischen Teil der Lausitz, der Rallye Luzické Hory 2011. „Das war für mich der schönste Moment im Octavia, ein Sieg in Tschechien mit dem Auto“, so Doerr zu seinen Erlebnissen im Octavia Nr. 10. Dieser Sieg sollte auch der letzte eines Octavia WRC in Tschechien gewesen sein. Bei den Einsätzen in der tschechischen Sprint-Meisterschaft machte sich das Alter des Octavia WRC aber zunehmend bemerkbar. Um den Sieg konnten Kahle/Doerr in der Folgezeit nicht mehr mitfahren. Im August 2013 absolvierte Chassis 10 seinen letzten Einsatz im Wettbewerb. Bei der Rallye Kurzeme in Estland schafften Kahle/Doerr nicht einmal den Sprung in die Top-10.

„Dafür dass es so ein alter Koffer war, war der Octavia eigentlich verdammt gut. Nach dem letzten Motorwechsel lief der Octavia aber nicht mehr richtig, wir waren alles andere als konkurrenzfähig“, erläutert Kahle die Ausmusterung als Sportgerät nach 37 Rallyes und 19 Siegen mit ihm am Steuer. In keinem anderen Auto war der Rekordmeister so erfolgreich, macht das den Octavia auch zu seinem Lieblingsauto? „Für lange Zeit ja. Aber die neuen R5-Autos machen noch mehr Spaß.“ Die Anschaffung des neuen Skoda Fabia R5 war auch der Grund für den Verkauf des Octavia WRC, den Doerr bei Volker Piepmeyer bestens aufgehoben sieht. „Für mich war Volker der einzige richtige Käufer, denn bei ihm ist das Auto in guten Händen“, sagt Christian Doerr über den Abschied von Chassis 10.

Auf Konkurrenzfähigkeit kommt es dem neuen Besitzer Volker Piepmeyer nicht an. Der Münsterländer will den Skoda Octavia WRC „aus dem ganz harten Rallyegeschäft rausnehmen“. Heißt im Klartext: Statt bei der Lausitz-Rallye wird Chassis 10 künftig bei den Gruppe-B-Rallyelegenden in Österreich oder bei der Rallylegend in San Marino zu sehen sein, schließlich soll das Auto „der Nachwelt erhalten bleiben“, so Piepmeyer.

Die bewegte Historie mit dem „bombastischen Abflug“ (O-Ton Piepmeyer) bei der Monte 2002 wird jedoch nicht nur durch die Lackierung und die vier Zusatz-Aufkleber symbolisiert. Seinen ersten Einsatz unter Piepmeyer erlebte der Octavia WRC als Vorwagen bei der Sauerland Klassik 2015, wo er auf alle Wegbegleiter seiner Deutschland-Zeit traf. Bei der von Peter Göbel organisierten Oldtimer-Rallye zählten nämlich auch Matthias Kahle (Skoda 130 RS) und Christian Doerr (Lancia Delta) zu den Teilnehmern.

Das soll es aber noch nicht gewesen sein. „Eigentlich gebe ich den Octavia nicht aus der Hand.“ Da ist wieder dieses berühmte Wort eigentlich, das schon bei dem Monte-Unfall 2002 eine so große Rolle spielte. „Bei Matthias oder einem Petter Solberg würde ich aber eine Ausnahme machen“, fährt Piepmeyer fort. Und für die ersten Einsätze hat er auch schon bei Vorbesitzer Christian Doerr angefragt, ob dieser wieder den Copiloten machen würde. Das nächste Kapitel in der Geschichte von Chassis 10 kann also kommen …

Quelle: rallye - Das Magazin 05/06 2016

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