RALLYE 35 WITTENBERG

Turbulenter Schotterauftakt

Mit Jaakko Keskinen aus Finnland, Maximilian Koch aus Bayern und Rashid Al Ketbi aus Arabien steht ein internationales Trio auf dem Podium der Rallye Lutherstadt Wittenberg.

Nach sonnigen Tagen herrscht zur 52. ADMV Rallye Lutherstadt Wittenberg Nieselregen, die Temperaturen sind kühl. 73 Teams starten zum Auftaktlauf des Schotter-Cups und der ADMV-Rallye-Meisterschaften, fünf davon mit ausländischer Beteiligung. Vor ihnen liegen 35 WP-Kilometer mit 90% Schotter: Apollensdorf führt komplett über sandige Naturwege, auf der Prüfung von Reinsdorf nach Mochau sorgen ein Beton- und ein Asphaltstück für „nur“ 75% Schotter.

Die zehn Zweitakt-Trabant eröffnen die Hatz über die sandigen Feld- und Waldwege im Fläming. Martin Christ, Trabant-Champion von 2006 und 2007, ist bei seinem Comeback in der gelben Pappe der Konkurrenz ein gutes Stück voraus, landet auf dem beachtlichen Gesamtplatz 24 und gewinnt mit Co Tino Krajewski mit 44 Sekunden Vorsprung auf den Lokalmatador Benjamin Derda, Dirk Eckl fährt auf Platz 3. Sieben der zehn Trabant erreichen das Ziel – das entspricht exakt die Ausfallquote von 30% im gesamten Feld. 

Die 1300-cm³-Klasse der Gruppe H holen sich Alexander und Cornelia Klemm im Lausitz-erprobten Fiat Cinquecento vor dem Wittenberger Sandspezialisten Uwe Joachim im Kadett. In der 2-Liter-Klasse müssen die echten Gruppe-H-Autos von Thomas und Melanie Schultz (Platz 2 im Kadett D 16V) sowie Marek Goldbohm und René Sommer (Golf III, Ausfall wegen eines 10-Cent-Defekts) den Sieg einem Gruppe-F-BMW überlassen: Der 318is von Jürgen Neumann und Gordon Pfarr durchfährt den Zielbogen zwar mit dem Getöse eines russischen Panzers (weil der Auspuff am Krümmer weggerissen ist), doch die beiden Rand-Berliner haben mit einem Kraftakt auf der letzten Prüfung sich noch am Mercedes von Petri Reinikainen vorbeigequetscht, so dass zum Klassensieg auch noch die Ehre des besten Hecktrieblers kommt. Der Finne und sein einheimischer Co Max Menz sind mit dem Klassensieg in der 3-Liter-Klasse hoch zufrieden, Gerd Tabbert liegt als Zweiter weit zurück, weil sein BMW 325ix gleich nach dem Start noch den hinteren Antrieb zur Verfügung hat. Für einen Paukenschlag sorgt Jeffrey Wiesner, der im Volvo 240 mit 230-PS-Motor die WP 1 als schnellster Nicht-Allradler auf Platz 6 durchfliegt, ehe in WP 2 der Keilriemen wegfliegt. 

Mager präsentiert sich die Gruppe G – mehr als zwei Starter erscheinen nicht in Wittenberg! Immerhin holen sie das Letzte aus den Serienautos heraus:. Björn Becker jagt den Audi 90 Quattro (G19) auf Gesamtplatz 10, sein Konkurrent Björn Leiß seinen Mazda 323 (G20) auf Platz 12. Von den drei Subaru aus der Gruppe CTC überlebt nur einer, so dass die Debütanten Uwe und Corina Stock für die ersehnte Zielankunft auch noch mit dem Klassensieg belohnt werden. 

Volle Felder erlebt dagegen die Gruppe F. Bei den 1600ern setzen sich die Südharzer Johannes Heldt und Heiko Schmidt im VW Polo gegen die Lausitzer Hubertus Schulze und Gundo Schmidt im Mitsubishi Colt durch. In der 2-Liter-Klasse erwischen Stephan Dammaschke und Julia Siegel den besseren Start im frontgetriebenen Ford Escort; die Verfolger Bernd Knüpfer und Daniel Herzig können den 8-Sekunden-Rückstand aus der WP 1 zwar dreimal verringern, doch im Ziel fehlen den Astra-Piloten eineinhalb Sekunden zum Klassensieg. Noch schneller ist Sebastian Vollak beim Comeback im BMW 318 Compact. Gesamtplatz 8 hätten Vollak und Copilotin Lisa Kuhn nach den WP-Zeiten geschafft, doch nach einem Reifenwechsel verfahren sie sich und stempeln an der Zeitkontrolle mit 13 Minuten Verspätung. 

Mit zehn Fahrzeugen ist die 3-Liter-Klasse der Gruppe F sehr gut besetzt. Die Holsteiner Gerrit Markmann und Sönke Robert, im Audi 90 Quattro das einzige Team mit Allrad-Vortrieb, vergeben den Klassensieg auf der letzten Prüfung, als sie 15 Sekunden gegen Jochen Walther im Volvo 940 einbüßen. Der Volvo-Cup-Chef ist in letzter Sekunde in Wittenberg eingetroffen, seine 15-jährige Tochter Johanna sitzt erstmals auf dem Beifahrersitz. Dann legt der Milchbauer aus Mecklenburg los wie die Feuerwehr, gewinnt die Klasse und verfehlt die Top Ten nur um zwei Sekunden. Seine routinierten Volvo-Mitstreiter Charly Beck und Andreas Leue wuchten ihre 940 auf die Plätze 3 und 4 in der Klasse. Bei den Allrad-Turbos dominiert erwartungsgemäß Raphael Ramonat, auf Gesamtrang 4 liegend muss er allerdings kurz nach dem Start der letzten Prüfung wegen eines technischen Defekts stoppen. So erben Patrick Neidhardt und Susanne Oelszner den Klassensieg in einem Audi A4 Quattro, den Neidhardt kurzfristig aufgebaut hat, und erreichen – trotz 20 Sekunden Strafe nach Reifenwechsel – den sechsten Gesamtrang. 

Die Einführung der FIA-RC-Klassen wirbelt die Klassen ein wenig durcheinander. Eher unerwartet bilden jeweils drei Fahrzeuge eine eigene Klasse RC2 und RC4. Bei den RC4-Fahrzeugen liefern sich die Schotter-Cup-Titelverteidiger Mark Muschiol und Kerstin Munkwitz im Gruppe-N-Clio einen harten Zweikampf mit dem Citroen C2 R2 von Dark Liebehenschel und Henry Wichura. Die Auftaktprüfung bei Apollensdorf gewinnt zwar Muschiol, doch dann scheucht der bekennende Wittenberg-Fan Liebehenschel den Citroen so gnadenlos über die Sandwege, dass er das Duell mit zwölf Sekunden Vorsprung zu seinen Gunsten entscheidet. 

Die RC2-Autos – besser geläufig als Gruppe N mit Allrad und Turbo – mischen im Kampf um die drei ersten Plätze mächtig mit. Für einen Hauch Exotik sorgt der WRC-Starter Rashid Al Ketbi, der sein Trainingsauto in die Lutherstadt bringt. Der Einbau eines neuen Turboladers geht zwar nicht ohne Komplikationen ab, doch zehn Minuten vor der Startzeit tauchen der Impreza, der Araber und Copilotin Karina Hepperle endlich auf, fahren auf allen vier Prüfungen die drittbeste Zeiten und werden Dritte. Mit einem identischen Subaru Impreza N12B im Gruppe-N-Trimm gelingt Maximilian Koch und Lisa Brunthaler mit Gesamtrang 2 ihr bislang größter Erfolg. Der erst 20-jährige Regensburger, vor zwei Jahren schon Siebenter in Wittenberg, hat dank drei WM-Starts und etlichen Schotter-Kilometern im Ausland deutlich an Erfahrung gewonnen. Auf den langen Wertungsprüfungen bleibt er als einziger in Sichtkontakt zum Sieger, klebt auf WP 3 schon an dessen Stoßstange und schließt die Rallye mit der Bestzeit auf WP 4 ab. Maximilian Koch und sie erst 17-jährige Lisa Brunthaler beweisen mit Platz 2, dass es auch in Deutschland Schotter-Talente gibt. 

Zum Sieg in Wittenberg reicht es dennoch nicht ganz. Der Finne Jaakko Keskinen, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, startet zum achten Mal in Wittenberg; sein Mitsubishi Evo 7 im Gruppe-H-Trimm hat bei der Motorleistung, bei der sequenziellen Schaltung und beim Gewicht Vorteile gegenüber Kochs Subaru. Keskinen muss dennoch seine ganze Routine ausspielen und macht auf den harten Sandpisten seinem Spitznamen „Mister Flat-Out“ alle Ehre. Als er sich fünf Kilometer vor dem Ziel der letzten Prüfung einen Plattfuß einfängt, heizt er unverdrossen weiter und rettet den Sieg, während Copilot Jukka Pollari im Ziel freimütig bekennt, dass er sich „sehr unwohl“ gefühlt habe. Jaakko Keskinen gewinnt die Rallye Wittenberg nach 2010 und 2012 zum dritten Mal. Sein Markenkollege Michael Dinkel, dessen Sohn Marcel den verhinderte Stamm-Co Michel Bayer ersetzt, wird ohne die Gänge 3 und 4 immerhin noch Vierter. 

Die 52. ADMV-Rallye Lutherstadt Wittenberg lebt von der Tradition, von der Herausforderung der Naturpisten im Norden der Stadt, die gleichermaßen hart (teilweise hart an der Grenze) wie anspruchsvoll sind. Mängel wie Tiefsand am Start der WP 3 oder knappe Fahrzeiten sollten abzustellen sein, das neue Rallyezentrum in der restaurierten Exerzierhalle kommt bei Fahrern und Zuschauern sehr gut an.  

Ergebnis 52. ADMV-Rallye Lutherstadt Wittenberg 2015

1. Jaakko Keskinen / Jukka PollariMitsubishi Evo 7H1621:23,4
2. Maximilian Koch / Lisa BrunthalerSubaru ImprezaRC2+0:12,9
3. Rashid Al Ketbi / Karina HepperleSubaru ImprezaRC2+0:32,1
4. Michael Dinkel / Marcel DinkelMitsubishi Evo 7H16+1:57,5
5. Dark Liebehenschel / Henry WichuraCitroen C2 R2RC4+2:25,7
6. Patrick Neidhardt / Susanne OelsznerAudi A4 QuattroF3A+2:33,1
7. Mark Muschiol / Kerstin MunkwitzRenault ClioRC4+2:39,6
8. Jürgen Neumann / Gordon PfarrBMW 318is E30H14+3:16,4
9. Petri Reinikainen / Max MenzMercedes 190 16VH15+3:18,5
10. Björn Becker / Dirk MürkensAudi 90 QuattroG19+3:25,3
11. Jochen Walther / Johanna HollandVolvo 940F3B+3:27,1
12. Björn Leiß / Jörg FuhsyMazda 323 GTXG20+3:28,5
13. Gerrit Markmann / Sönke RobertAudi 90 QuattroF3B+3:35,7
14. Stephan Dammaschke / Julia SiegelFord Escort RSF8+3:37,7
15. Bernd Knüpfer / Daniel HerzigOpel Astra GSiF8+3:39,1

GALERIE: Rallye Lutherstadt Wittenberg 2015


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