Armin Kremer und die 50

Herzlichen Glückwunsch, Armin Kremer! Der Ex-Europameister und Asien-Pazifik-Champion feiert heute seinen 50. Geburtstag. Ein passender Moment, um auf seine Karriere zurück zu blicken.

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Herzlichen Glückwunsch, Armin Kremer! Der Ex-Europameister und Asien-Pazifik-Champion feiert heute seinen 50. Geburtstag. Ein passender Moment, um auf seine Karriere zurück zu blicken.

Arvid Kremer ist ein verrückter Hund. Schnappt sich Mitte der 1970er Jahre sein erstes eigenes Auto - einen Lada Kombi - und brettert durch die Wälder im Umland von Schwerin. „Total irre“, feixt der studierte Veterinär noch heute über seine Sturm- und Drangphase mit Mitte 30. Was er damals nicht ahnen konnte, die verwegenen Ausflüge sind die Initialzündung für die Rallye-Dynastie des Nordens, denn nicht nur Arvid wird einmal für Schlagzeilen sorgen, sondern vor allem sein Sohn Armin. 

Der hilft als kleiner Junge schon fleißig im Service mit, wenn Papa und seine Kumpels als „Wikinger“ die DDR-Meisterschaft unsicher machten. Dabei atmet Armin ordentlich Benzin ein und es ist ein allgemein verbreitetes Phänomen, dass je heißer das Feuer beim Vater brennt, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Funke auf die nächste Generation überspringt. Auch bei den Kremers ist das nicht anders.

Kaum hat Armin den Führerschein in der Tasche, werden eigene Pläne mit einem Rallye-Trabant geschmiedet. Papa Arvid - Sieger der Schweriner Seen Rallye 1977 - hat den Helm zu dieser Zeit längst an den Nagel gehängt. „Finanziell am Ende“, lässt er notieren.

Doch bevor Armin richtig durchstartet, stehen die turbulenten Jahre der Wendezeit an. Im Oktober 1989 bekommt Arvid von einer Tante im Westen ein Putenschnitzel serviert. Er erkennt das Potenzial, vor allem im Osten, der eigentlich nur Schwein und Rind kennt. Kaum ist die Grenze gefallen, setzt er alle Hebel in Bewegung und gründet die „Mecklenburger Landpute“. Es wird die Erfolgsgeschichte der Familie Kremer. 

Kurz vor der deutschen Einheit kann Armin seine ersten Spuren in der DDR-Meisterschaft hinterlassen. Schnell wird klar, dass er nicht nur den trockenen Humor, sondern auch den schweren Gasfuß von Arvid geerbt hat. Zusammen mit Jugendfreund Sven Behling trumpfte er 1990 erstmals auf und gewinnt anschließend mit einem Peugeot 205 den ADAC Junior-Rallye-Cup zwei Mal hintereinander. Der weitere Aufstieg ist vorprogrammiert, 1996 wird Armin Deutscher Meister. 

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und Kremer erlebt bei der Rallye Deutschland 1997 seine dunkelste Stunde. Bei einem schweren Unfall kommt Behling ums Leben. „Ich wollte alles hinschmeißen, aufhören mit dem Rallyesport“, blickt Armin zurück. Aber Freunde und Bekannte überreden ihn und helfen beim Weitermachen. 1998 und 1999 holt er zusammen mit Fred Berßen erneut den Titel. Zwei Jahre später gelingt der Angriff auf die Europameisterschaft. Das anschließende Projekt in der Rallye-WM ist ambitioniert, aber schlecht aufgestellt. Armin fährt im nicht konkurrenzfähigen Ford Focus WRC hinterher.

Obwohl ihn das Familienunternehmen immer mehr fordert, findet er 2003 Gefallen an einem Programm in der Asien-Pazifik-Rallye-Meisterschaft. Es wird der nächste große Titel im Hause Kremer. „Eigentlich sogar noch bedeutender als die Europameisterschaft“, meint Armin mit Blick auf die Weltkarte. Ein letzter Einsatz in der geliebten Toyota Corolla bei der Rallye Deutschland 2004 läutet eine Rallyepause ein, doch der Rallyevirus ist hartnäckig. 

Im Herbst 2007 bricht er wieder voll aus und Armin schnappt sich einen Gruppe-N Subaru, um damit die Lausitz-Rallye zu bestreiten. Auch wenn er jetzt eine Brille tragen muss und bei Dunkelheit nicht mehr so gut wie ein junger Held sieht, die verdutzte Konkurrenz wird ordentlich aufgemischt. Schnell fahren verlernt man nicht.

Armin Schwarz lotst seinen Namensvetter ein Jahr später nach Amerika, um mit ihm in der SCORE-Serie zu starten. Die Ausflüge nach Las Vegas oder Mexiko sind eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag, der noch stressiger wurde. Längst hat Armin seinen Vater als Geschäftsführer des Familienbetriebs abgelöst, der Tag könnte manchmal mehr als 24 Stunden haben. Für die Reisen über den Atlantik kann er sich dennoch Freiraum verschaffen. „Das ist Motorsport wie vor 30 Jahren.“

Doch die Sehnsucht nach dem echten und reinen Rallyesport wächst erneut. Die Firma entwickelt sich prächtig, die Möglichkeiten mal nicht im Büro sein zu müssen nehmen zu. Prompt schmiedet Armin das nächste Projekt und meldet sich 2013 in der WRC2 an. Noch immer kann er mithalten und ist weiterhin Deutschlands schnellster Rallyefahrer.

Als Kremer beim Saisonauftakt 2016 in Monte Carlo Zweiter wird, traut ihm sein Teamchef Raimund Baumschlager sogar den Weltmeister-Titel zu. Doch gegen die Werks-Konkurrenz ist kein Kraut gewachsen, trotz etlicher Ausrufezeichen.

Im letzten Jahr will es Armin dann noch einmal genau wissen und schnappt sich einen Ford Fiesta WRC2017. Mit dem Allrad-Geschoss stürmt er auf den neunten Platz der Rallye Deutschland. Nach über zwölf Monaten Pause gönnt er sich die diesjährige Rallye Australien, ein technisches Problem verhindert jedoch das erhoffte WRC2-Podest.

Nebenbei fördert Armin schon seit Jahren Marijan Griebel und sorgte dafür, dass der Pfälzer Junior-Europameister und in diesem Jahr Deutscher Meister wurde. „Man muss sich um den Nachwuchs kümmern, das ist enorm wichtig.“

Rallye-Nachwuchs gibt es auch in der eigenen Familie. Weil der Apfel bekanntermaßen nicht weit vom Stamm fällt, war es auch nur eine Frage der Zeit, bis Armins Tochter Ella mit dem Rallyesport anfängt. Mit 17 Jahren absolvierte sie ihre erste Saison als Beifahrerin in der Citroën Racing Trophy und hat bereits WM-Premiere gefeiert. 

Kommen wir zu Frank, dem fünf Jahre älteren Bruder von Armin. Der sammelt alles, was irgendwie mit den Rallyeauftritten der Familie zu tun hat. Die Wände seiner Rallye-Scheune sind mit Devotionalien aller Art drapiert. Egal ob abgerissene Kotflügel, Modellautos, Plakate oder Bilder. 

Mittendrin stehen zwei Autos, die eine große Rolle für die Familie spielen. Den Lada VFTS legte sich Frank nicht nur zu, weil Papa Arvid mit so einem Auto einst die Wälder rund um Friedrichsruhe unsicher machte, sondern „weil es mein Traumauto vor der Wende war.“ Daneben ist der Trabant aufgebockt, mit dem Armin in der letzten Saison der DDR-Meisterschaft deutlich machte, dass die ganz schnellen Jungs weiterhin aus dem Norden kommen und Kremer heißen. 

Frank, zu Ost-Zeiten als Beifahrer ebenfalls mitten im Geschehen, nahm sich Mitte der 1990er Jahre zurück, als die Profi-Karriere von Armin Fahrt aufnahm. Er kümmert sich seitdem im Service nicht nur um die Dinge im Hintergrund und als zweiter Geschäftsführer der Landpute kann auch er sich nicht über zu viel Freizeit beklagen.

Seine große Leidenschaft ist mittlerweile das Golfen, aber wie man einen Lada herzhaft im Rallyesport bewegt, das hat sich auch Frank vom Vater abgeschaut. Und trotz der vielen Jahre gilt noch immer: Wo Armin fährt, ist Frank nicht weit. Familienbande eben. Außerdem ist die Rallye-Scheune tatsächlich nicht komplett gefüllt. Hinten rechts findet sich noch ein wenig Platz an der Wand. Noch bevor die entscheidende Frage gestellt werden kann, geht der Blick vom großen Frank zum kleinen Armin: „Mindestens zwei Jahre kann er noch fahren. Oder wir bauen einfach an.“