HISTO

Die Erfindung des Reißverschlusses

Bei der Rallye ADAC Mittelrhein wird – nach 22 Jahren Pause – wieder eine Wertungsprüfung im Reißverschluss-System gefahren. Aus diesem Anlass blicke ich zurück auf die Geschichte dieser WP-Variante.

Vor 50 Jahren erlebte Rallye-Deutschland den Umbruch von den Orientierungsfahrten zu den Rallyes mit abgesperrten Wertungsprüfungen. Es war eine schwierige Zeit für die Veranstalter, denn es galt, rund 120 WP-Kilometer auf 400 km Strecke zu finden. Weil die Sprintstrecken selten länger als 5 km waren, entstanden jede Menge Rundkurse, gern auch mit 3 oder 4 oder 5 Runden und häufig auf einspurigen Wegen. Die Folge: Ständiges Auflaufen auf den Vordermann, haarige Momente beim Überholen, bei Schotterpisten Sichtbehinderung und zerschossene Scheiben und Lampen.

Als „Chef“ der Rallye Göttingen-Karlshafen musste ich besonders auf die Effizienz der WP-Strecken achten, weil der Startort Göttingen und das Ziel im nordhessischen Karlshafen 50 Straßen-Kilometer auseinander lagen. Um die Zahl der Rundkurse klein zu halten, erfand ich den Reißverschluss: Eine Start-Ziel-Prüfung wird zweimal hintereinander gefahren, nach der Zieldurchfahrt des ersten Durchgang fährt man direkt wieder zum Start.

Beim ersten Mal steht das Fahrzeug rechts, beim zweiten Mal links, der Starter schickt abwechselnd ein Fahrzeug in die Prüfung – wie beim Reißverschluss. Somit ergibt sich auf der Strecke ein Abstand von 30 Sekunden, betrachtet man aber jede der beiden Wertungsprüfungen für sich, bleibt der vom Sportgesetz vorgeschriebene Mindestabstand von einer Minute. Die Voraussetzungen für den Reißverschluss sind WP-Längen von maximal 6 km, eine kurze Rückführung – also zweiter Start maximal 15 Minuten nach dem ersten – und möglichst nur Asphaltbelag.

Bei der Rallye Göttingen-Karlshafen 1977 habe ich das Reißverschluss-System erstmals angewandt – mit Erfolg. Zur bekanntesten Reißverschluss-Strecke wurde die Höllengrund-Prüfung zwischen den Dörfern Vernawahlshausen und Oedelsheim, die auch bei der Nordhessen-Rallye und der Reinhardswald-Rallye bis 1993 immer wieder als Sprint oder Reißverschluss-Doppelsprint ausgetragen wurde. Mit einer WP-Länge von 3,9 km und einer parallelen Rückführung von rund 6 km konnte der zweite Start nur 12 Minuten später erfolgen.

Die Höllengrund-WP führte über eine schmale Kreisstraße (heute Gemeindestraße der Kommune Wesertal) zunächst durch Wiesengelände in langgezogenen Kurven bergauf, wurde im Wald zu einer Highspeed-Passage und wechselt auf dem höchsten Punkt den Charakter vollständig. Ein T-Rechts-Abzweig wird hart angebremst, ein Linksabzweig folgt sofort und dann geht es in ein Kurvenlabyrinth von sieben scharfen Links- und Rechtskurven in unmittelbarer Folge!

Am Waldende öffnet sich der Blick über das Wesertal, für einen Kilometer gibt es schnelle Kurven. Nach einer langsamen Links-scharf-Rechts-Kehre-Kombination wird das Ziel erreicht. Zum 40-jährigen Jubiläum lud der MSC Weser-Diemel einige Freunde mit historischen Rallye-Autos ein zum Revival auf der Höllengrund-Prüfung.

Sechs Monate nach der Premiere des Reißverschlusses in Niedersachsen und Nordhessen erlebte auch die Rallye-WM den ersten Reißverschluss – bei einer der Park-Prüfungen am ersten Tag der RAC-Rallye. Viele Nachahmer hat es allerdings nicht gegeben. Im Berliner Clubsport der Achtziger fuhr man die „Montgomery Barracks“ in Kladow als Doppelsprint über 2 km mit einer hübschen Waldpassage vor dem Ziel. In der Deutschen Meisterschaft tauchte der Reißverschluss nochmal auf bei der Havellandrallye 2001, als die 4-km-Prüfung „Rehagen“ in der modifizierten Fassung mit zwei verschiedenen Zielen umgesetzt wurde.

2002 sorgte der ADAC Südbayern für das Aus des Reißverschlusses, als er bei der 3-Städte-Rallye die Schafhöfen-Prüfung über 10-km als Doppelsprint ansetzte. Da reichten die 30 Sekunden nicht mehr, außerdem sorgte dichter Staub auf den Schotterabschnitten für heftige Sichtbehinderungen. Die Teilnehmer maulten ohne Ende, zumal auch noch drei Durchfahrten – als WP 1 bis 6 auf gleicher Strecke – absolviert werden mussten.

Am Wochenende feiert der Reißverschluss bei der Rallye ADAC Mittelrhein ein Comeback. Am Sonntagvormittag wird die Bergweiler-Prüfung – 2022 und 2023 als Rundkurs ausgetragen – diesmal als Reißverschluss-Sprint durchgeführt, als WP 7+8 sowie WP 10+11. Interessante Zuschauerplätze sind von Bergweiler aus zu erreichen.

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