"Geistdörfer, schnoi di o!"

Hier ist sie, die legendäre Geschichte von Arganil, Walter Röhrl und Markku Alen – Triumph und Tragödie, wie sie der großartige Autor Arno Schmitt bei der Rallye Portugal zwischen 4. und 9. März 1980 erlebt und notiert hat.

  • Im Jahr 2013 kehrten Walter Röhrl und Christian Geistdöfer für eine TV-Produktion zurück nach Arganil - Bild: McKlein

Hier ist sie, die legendäre Geschichte von Arganil, Walter Röhrl und Markku Alen – Triumph und Tragödie, wie sie der großartige Autor Arno Schmitt bei der Rallye Portugal zwischen 4. und 9. März 1980 erlebt und notiert hat.

Das Menü: 20 Siegerkandidaten in den Werksteams von Mercedes (450 SLC), Fiat (131er), Ford (Escorts), Toyota (Celicas), Opel (400er Asconas), Datsun (160J), British Leyland (TR7), Chardonnet (Lancia Stratos) und Almeras (Porsche 911). Vier Schleifen, die 1. Etappe auf Asphalt rund um Sintra, ab in den Norden Richtung Porto, Viseu für die 2. und 3. Etappe, Schlussetappe wieder Sintra. 2.641 Kilometer mit 673,40 km Wertungsprüfung – das waren 47 Prüfungen, 32 davon in der Nacht. Also was für echte Kerle. Die Weicheier an Fotografen waren nur am Fluchen, weil sie so wenig bei Tageslicht arbeiten konnten. Die Prüfung 24 zum Beispiel – die erste der 3. Etappe (von der diese Geschichte eigentlich handelt) – startete am Freitag um 11:03 Uhr vormittags, die letzte (Nummer 38 und damit 15. Prüfung der dritten Etappe) am Samstag in der Früh’ um 4:14 Uhr, also 17 Stunden später. Noch Fragen? Ach ja, 122 Teams gestartet, 16 angekommen. Ausfallquote: 87 Prozent. 

Die Vorspeise: Auf Asphalt gab’s keine Chance gegen den Stratos von Bernard Darniche. Der drehte die Flunder auf, dass ihm selbst das Toupet unterm Helm wegflog. Im Norden, auf Schotter, zerbröselten Kühlwasserschlauch und Vorsprung. Adieu Bernard (WP 10). Markku Alen muckte auf, ging in Führung, Differentialprobleme, Jung-Ari (Vatanen) stob im Escort vorbei, führte (WP 11–14), fiel zurück. Neuer Kommandant: Röhrl. Die Weltelite rätselte, hetzte zerknirscht hinterher. Aber nur Teamkollege Markku meinte es ernst. Richtig ernst. Hier ging’s um den Sieg in Portugal, einer seiner Lieblingsrallyes.

Vorweggenommen erst mal der Rest: Die anderen schmissen ihre Autos weg, aus Verzweiflung, Dummheit oder weil einfach was brach. Zirkusreif der Abgang der Herren Mikkola und Vatanen am Freitag, 7. März, um 11:32 Uhr. Prüfung 25, Cabreira, nördlich von Porto, 26,50 km lang, fast alles Schotter. Aber nur „fast“. Hannu Mikkola startete vor Vatanen, weil der sich wegen einer Reparatur Strafminuten einfing. Hannu achselzuckend: „Eine Rechts, dritter Gang voll, und ausgerechnet da hatten sie zwischen Training und Rallye ein Stück neu asphaltiert. Ich war viel zu schnell.“ Ich übersetze: Der Escort flog über die Böschung, rasierte drei Bäumen die Krone ab, schlug in einer Waldlichtung auf, Räder nach oben. Hannu und Co Arne Hertz kraxelten die Böschung hoch, um Vatanen zu warnen. Kaum rochen die beiden den Asphalt, flog schon Ari über ihre Köpfe, landete knapp neben dem Mikkola-Escort, aber auf den Rädern. Ari: „Ich bin total erschrocken. Ich habe zufällig in den Rückspiegel geschaut, da habe ich gemeint, das Auto wär’ in der Mitte auseinandergebrochen. Dann klopfte Hannu an...“ Das war zu Beginn der dritten Etappe.

Walter Röhrl und Beifahrer Christian Geistdörfer schrieben Rallye-Geschichte

Zurück zu Markku, der es richtig ernst meinte. Portugals Norden, regnerisch und Nebel, besonders in der Nacht. Markku hatte schon einen dicken Hals: Wegen Differentialproblemen (WP 11) stempelte Co Illka Kivimäki (Spitzname „Kiki“) zu spät – drei Strafminuten. Eine Vorentscheidung? Nix da, nicht für Markku. Jetzt erst recht. Nicht umsonst wird er „Mr. Maximum Attack“ genannt. Und er macht dem Spitznamen alle Ehre: Bestzeiten auf WP 15 und 16, Röhrl schlägt zurück (WP 17), das bringt Markku auf die Palme: Drei Bestzeiten hintereinander (WP 18–20), mal 15, mal 20 Sekunden vor Röhrl. Fiats Technikchef Giorgio Pianta versucht am Service, Ruhe reinzubringen: „Wenn ihr so weitermacht, kommt keiner ins Ziel.“ Aber Stallregie gibt’s nicht. Henri Toivonen (Talbot) erscheint auf der Bestzeitenliste (WP 21 und 22).

Aber schon wenig später steht Markku’s Temperatur wieder auf „Kochwäsche“ - Bestzeit. Auf 24 und 25 gibt’s kleine Watsch’n von Röhrl. Dann streckt Markku wieder die Zunge raus – „Ätsch, Bestzeit.“ Die bayrische Rache folgt umgehend und sitzt: 1:12 Minuten vor Alen, Bestzeit. Aber die Freude währt nicht lange. Röhrl zwängt sich zwischen den Autos der portugiesischen Fans durch zum Service, da kracht es plötzlich am helllichten Nachmittag. Es ist der 7. März, sein Geburtstag. Der 131 mit der Startnummer 5 wird gegen ein parkendes Auto geschleudert, sackt vorne links zusammen. Rad abgeknickt, Querlenker und Stoßdämpfer gebrochen. Der Übeltäter: Ein Fiat-Mechaniker! 

O-Ton Röhrl aus meinem Notizbuch: „Nach Marao fahr ich aus der Prüfung raus. Links und rechts stehen Autos. Markku hat Probleme mit dem Differenzial und schreit über Funk den Service herbei. In einer Links sehe ich ein Auto entgegenkommen, fahre so weit es geht nach rechts. Der Fahrer des Volvos sieht mich und geht voll in die Eisen. Da werden seine Augen immer größer und das Ding kommt mit stehenden Rädern auf mich zu. In dem Moment kracht es auch schon. Als ich rüberschaue, sehe ich, dass es unser eigener Fiat-Service ist. Der Paolo ist ausgestiegen, mit Tränen in den Augen. Ich glaub’, der hätt’ sich umgebracht, wenn wir den Wagen nicht mehr hätten reparieren können.“ Zum Glück war an jenem Punkt genügend Servicezeit. In 38 Minuten zauberten die Mechaniker einen neuen Vorderbau. 

Der Fiat 131 Abarth, mit dem Röhrl 2013 noch einmal Arganil besuchte, war ein fast vollwertiges Gruppe-4-Rallyeauto

Die nächste Prüfung (WP 28, Vila Real), eine kurze, grabscht sich Markku. Dann folgt ein irrsinniges Wechselspielchen, obwohl Walter rund fünf Minuten Vorsprung hat. Der lange Bayer kriegt sich kaum ein: „Sinnlos, so rumzugasen, wo Markku soweit zurück ist. Statt auf’s Auto zu achten, prügelt er es nur rum und wundert sich, wenn er Probleme mit dem Differenzial hat.“ Kopfschüttelnd klemmt er sich hinters Lenkrad: Die 29 geht an Röhrl, 30 an Alen, 31 wieder Röhrl, 32 Alen. Als nächstes steht Arganil auf dem Programm, mit 42 Kilometern die Königsprüfung. Und Arganil pflegt im Nebel zu liegen. Sichtweite: fünf Meter. Die Fiat-Chefs (Teamchef Cesare Fiorio, Teammanager Nini Russo, Techniker Pianta) halten immer noch nichts von Stallregie, obwohl die beiden einsam vorne liegen. Markku zittert, die Lippen beben – das untrügliche Zeichen für eine finnische Attacke, noch wilder, noch einen Zahn schneller. Das entgeht Walter natürlich nicht. Er steigt ins Auto und fährt Richtung Arganil. Seine Startzeit: 22:58 Uhr.

Schon im Auto flucht er vor sich hin über diesen Idioten, der drei Minuten zurückliegt und immer noch angreifen will, der in ihm, dem Bayern, nicht einen Teamkollegen sieht, sondern einen Feind. Die Wut steigt weiter. Aber Walter gefällt, was er im Licht der Scheinwerfer sieht. Leichte Nebelschwaden. Und er weiß: Je weiter es hinauf geht, umso dichter der Nebel. Am Start zur Prüfung zieht er die Handschuhe noch mal fester als sonst: „Geistdörfer, schnoall di oa!“ Die Stimme tiefer als sonst, in der Tonlage nach hinten abfallend, wie bei ernsten Drohungen. Kein Zweifel: Walter hat die finnischen Faxe richtig dicke, ist auf 180. Und nach tiefem Durchatmen: „Jetzt goat’s dahie, dass die Fetz’n fliag’n.“ Augen zu und durch – im wahrsten Sinn des Wortes. Nach zwei Kilometern nur noch eine einzige dicke Nebel-Suppe. Walter’s Welt. Sichtweite keine fünf Meter. Haben wir ja auch schon erlebt, wenn der Nebel das Licht derart reflektiert, dass die Halogenlampen mehr stören als helfen.

Über sieben(!) Sekunden pro Kilometer brummt Walter Röhrl in der Nacht von Arganil der Konkurrenz drauf

Durch die Windschutzscheibe signalisieren drei Finger: noch drei Sekunden – der Motor schreit sich nach oben – zwei – eine – der 131 verschwindet heulend in der schwarzen Nacht. Das Hochschalten, runterschalten, beschleunigen wird bald übertönt von Markku, der seinen Motor am Start zum Weinkrampf bringt, als würden sich die Drehzahlen überschlagen. Wenn Markku wüsste, was sich gerade weitere vorne abspielt ... dass seine „maximum attack“ verpufft wie eine Knallerbse.

„,80 Meter mittel rechts“, betet Christian Geistdörfer vor, Röhrl macht die Augen zu, zählt „eins-zwei-drei-vier“ und lenkt rechts ein. So geht das die restlichen 38 Nebel-Kilometer. „Ein neues System“, grinst Walter am Service zur fast unglaublichen Story des mittlerweile legendären Nebel-Ritts. Und diese Geschichte muss er später den staunenden offenen Mündern, die unten in Cascais wie die Ameisen auf ihn zurannten, noch hundert Mal erzählen. „Das hab’ ich im Training schon mit Christian geübt. So bin ich die ganze Prüfung gefahren. Dass es geht, siehst’ ja.“  Verständnisloses Nicken, ungläubiges Staunen. Erst nach einer Weile dämmert den Umstehenden: Der Kerl ist ja tatsächlich mit geschlossenen Augen gefahren! Das hatte Walter auch schon ohne Auto geübt: In der letzten große Pause vor Arganil fuhr er im Hotelbett die Prüfung mit geschlossenen Augen und der Stoppuhr in der Hand ab. „Da bin ich 35.50 gefahren.“

Zurück zum Fiat-Service nach Arganil, eine halbe Stunde vor Mitternacht. Illka Kivimäki kommt zu Christian Geistdörfer: „Was war eure Zeit?“ Geistdörfer: „35.14.“ Ungläubig fragt „Kiki“ zurück: „W-A-S?“ Geistdörfer wiederholt: „35.14.“ Kreidebleich schleicht er sich, Christian ruft grade noch nach: „Und ihr?“ Ohne sich umzudrehen kommt ein kleinlautes „39.54.“ Vier Minuten und 40 Sekunden – Walter grinst nur spitzbübisch. „Wenn mir einer in so einer Prüfung fast fünf Minuten abnehmen würde, ich glaub’ ich würd’ mich umbringen.“ Und fügt ganz nebenbei an: „Es wär’ noch schneller gegangen.“ Übrigens: Selbst Björn Waldegaard im Mercedes war noch fast eine Minute schneller als Alen.

Übermittlungsfehler?

Zur selben Zeit im Pressebüro im südlichen Cascais, wo die Zeiten per Telefon oder über Funk ankommen: Röhrl wird notiert, Minuten später scheint Alen auf. Plötzlich werden beide wieder gelöscht. Verantwortliche wie Journalisten sind ratlos. „Ein Übermittlungsfehler“, heißt es. „Wir warten auf die richtigen Zeiten.“ Selbst eine Stunde später ist das Rätsel fernab der Rallye nicht gelöst. Die unten gebliebenen Journalisten ahnen nicht, welche historische Geschichte ihnen durch die Feder geronnen ist.

Arganil stand in der gleichen Nacht noch einmal auf dem Programm: Zweieinhalb Stunden nach dem famosen Nebelritt bewies Walter, dass es tatsächlich noch schneller ging: 33.13 Minuten (gnädigerweise nur zweieinhalb Minuten schneller als Markku) – ein Schnitt von 75,87 km/h (im ersten Durchgang 71,52 km/h). Die Fans träumten in jener Nacht vom Nebel über Portugal, sahen in die Ferne und hörten, wie einer über die Gebirgskämme von Arganil röhrt, als sei es der heilige Rallye-Geist, der auf einem Schimmel die Nebelschwaden durchschneidet und die bösen Buben gnadenlos straft.

Auf den restlichen 14 Wertungsprüfungen gab Markku Alen Ruhe. Arganil war sein k.o. Nur zwei Mal noch (auf der Sintra-Schleife) signalisierte er mit Bestzeiten ein „Ich bin noch da“, aber auch nur, weil es Röhrl locker angehen ließ. Zwölf Bestzeiten wurden noch für Walter notiert, zwei Mal war Ove Andersson (Toyota Celica) vorne.

„Ich bin nur so schnell gefahren, dass ich keinen von den Verrückten verletze“, sagte Walter über die Nacht von Sintra und prophezeite: „Die Fans werden noch der Tod dieser Rallye sein.“ Wie recht er hatte. Sechs Jahre später gab es Tote und Verletzte, die glorreiche Zeit der Rallye-WM war beendet. 

Ergebnis Rallye Portugal 1980: 

1. Röhrl/Geistdörfer (Fiat 131) in 8:45:35 Std.

2. Alen/Kivimäki (Fiat 131) +14.19

3. Frequelin/Todt (Talbot) +30.29

4. Waldegaard/Thorszelius (Mercedes 450 SLC) +43.47

5. Carlsson/Bilstam (Mercedes 450 SLC) +54.47

6. Andersson/Liddon (Toyota Calica) +1:09.16