Fricker-Mercedes 190E

Ein Mercedes kämpft um den DRM-Titel – diese Schlagzeile gab es zuletzt vor 30 Jahren, als Harald Demuth im 190 E von Fricker Motorsport drei der ersten vier Läufe gewann. Sein damaliger Dienstwagen, UL-PP 1, lebt nur noch in Teilen weiter. Jetzt ist er Wiederauferstanden – durch einen früheren Ferienjobber von Daimler.

TEXT Sebastian Klein FOTOS Benno Reiss-Zimmermann

Was macht der junge Schwabe in den Sommerferien? Thomas Schäberle hielt sich da an eine typisch schwäbische Redewendung, allerdings mit einer kleinen Abwandlung. „Schaffe, schaffe, Audo baue“, hieß es in seinen Jugendtagen. Statt am Ballermann oder in Lloret de Mar die Sau rauszulassen, fuhr er tagtäglich zum Daimler-Werk nach Waiblingen. Abteilung Vorentwicklung. Unter der Leitung eines gewissen Erich Waxenberger. „Eine Statur von einem Mann“, erinnert sich Schäberle an den großen Motorsportchef, der in den frühen 80ern mit Röhrl, Vatanen und Mercedes Rallye-Weltmeister werden wollte, ehe der Vorstand den Stecker zog. Doch das ist eine andere Geschichte. 

In der Vorentwicklung tüftelte Waxenbergers Mannschaft vornehmlich an der nächsten Generation der Sternenflotte, zwischendurch „musste“ aber auch mal ein alter Silberpfeil für einen Fototermin oder ein Oldtimer-Event aufpoliert werden. „Einmal durfte ich im 300 SLR mitfahren, das war für mich das Größte“, strahlt der damals gerade volljährige Ferienjobber Schäberle, dem vor allem das Tanken mit Ethanol im Gedächtnis geblieben ist: „Danach war man betrunken“ – Sprit fassen mit dem Silberpfeil, das war also Schäberles persönlicher Sangria-Eimer. Neben den ruhmreichen Rennwagen von Caracciola, Fangio und Moss kreuzte in der Vorentwicklung aber auch mal ein aktuelles Rallyeauto seinen Weg: Die Gruppe-A-Version des Mercedes 190E 2.3-16 wurde am 1. Mai 1985 homologiert – wenig später jobbte Schäberle „beim Daimler“.

Vermutlich ist ihm auch das prominenteste Rallye-Exemplar des 190E über den Weg gelaufen: Kennzeichen UL-PP 1, zugelassen auf den Ulmer Mercedes-Händler Reinhold Fricker. Eigentlich ein Privatauto. Aber: Hanspeter Brömmer – schon bei den Rallye-Einsätzen von Mercedes die rechte Hand Waxenbergers und jetzt ebenfalls in der Vorentwicklung beschäftigt – hat die Erlaubnis, das DRM-Engagement von Fricker Motorsport mit Rat und Tat zu unterstützen. Brömmer entwickelt neue Teile und steht bei den Einsätzen als Teammanager an vorderster Front. Manchmal greift er sogar selbst ins Lenkrad. Dem Ferienjobber Schäberle ist er als „auffallende Persönlichkeit“ im Gedächtnis geblieben, was auch aber nicht ausschließlich an Brömmers markanter Igelfrisur lag.

Rund 30 Jahre sollten vergehen, ehe sich Brömmer und Schäberle das nächste Mal persönlich begegnen. Bei unserem Fototermin zu dieser Geschichte ist es soweit. Doch das ist nicht das einzige Wiedersehen an diesem Tag. Denn auch UL-PP 1 findet sich in den Weinbergen östlich von Stuttgart ein – zumindest als Nachbau. Schäberle, mittlerweile 50 Jahre alt und Chef der familieneigenen Logistik-Firma, hat aus einem gewöhnlichen Gruppe-A-Mercedes eine Kopie des ersten Fricker-Autos gebaut. Sogar das Kennzeichen (LB-PP 1101) ist so gut es geht an das historische Vorbild angelehnt. 

Äußerlich steht der neu aufgebaute 190 E schon da wie zu Beginn seiner erfolgreichsten Saison. Wir schreiben das Jahr 1987. Die Gruppe B ist verschwunden und damit hat sich auch das übermächtige Peugeot-Team aus der Deutschen Rallye-Meisterschaft verabschiedet. Unter den Fans herrscht Bestürzung über das plötzliche Ende der geliebten Monster, unter den DRM-Teams herrscht Aufbruchsstimmung.

VW holt Jochi Kleint nach einem Jahr Pause aus dem Ruhestand zurück und gibt ihm einen Golf GTI 16V. Opel schickt den Österreicher Sepp Haider in einem Kadett ins Rennen. Ford setzt auf den Sierra Cosworth und das Können von Michael Werner. Schmidt Motorsport (SMS) vertraut Nachwuchsmann Armin Schwarz einen 80 Quattro an. Ronald Holzer hat sich einen brandneuen Lancia Delta 4WD zugelegt. Und Reinhold Fricker vertraut Harald Demuth seinen Baby-Benz an. UL-PP 1 hat schon anderthalb Rallye-Jahre auf dem Buckel und in dieser Zeit unter anderem den vierten Platz bei der Rallye Deutschland errungen – hinter drei Gruppe-B-Autos. Damals noch mit Holger Bohne am Steuer. Jetzt wittert nicht nur Fricker die große Chance auf den Titel.

„Gehöre ich bestimmt noch nicht zum alten Eisen“

Kompakte Fronttriebler, PS-starke Hecktriebler oder doch die Allrad-Fraktion – wer wird in Jahr eins nach der Gruppe B das Rennen machen? In der ersten Saisonhälfte schaut es sehr nach einem Meistertitel für Harald Demuth und seine Fricker-Mannschaft aus. Der 250 PS starke und 1180 Kilo schwere Benz glänzt mit hoher Zuverlässigkeit wie Servicefreundlichkeit. Komplette Fahrwerkswechsel von Asphalt auf Schotter – und die sind bei fast jedem DRM-Lauf notwendig – sind in neun Minuten erledigt, ein Getriebe ist in 30 Minuten getauscht. Zudem stimmt der Speed von Harald Demuth, der sich mit seinen 37 Jahren noch nicht auf dem absteigenden Ast sieht: „Solange ein 24-jähriger Youngster trotz Quattro und Matschwetter mich und den nur heckangetriebenen Fricker-Mercedes 190 E nicht schlagen kann, gehöre ich bestimmt noch nicht zum alten Eisen“, spricht er Reporter Rolf F. Nieborg ins Diktiergerät. Der Erfolg gibt ihm Recht: Auf Platz vier bei der schlammigen Sachs-Winter-Rallye folgen Siege in Franken, Baden-Württemberg und Hessen. Demuth führt die Tabelle zur Halbzeit an. 

Doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Daimler spendiert dem Fricker-Team im Sommer einen neuen Motor, der anscheinend die Seuche hat. Bei der Rallye Deutschland bricht das Gasgestänge, im Hunsrück geht auf WP 1 das Schwungrad kaputt und bei der Sachs-Baltic zerplatzen mit dem 2,3-Liter-Vierventiler auch die Meisterschaftsträume der Sternfahrer. Ein dritter Platz bei der Drei-Städte-Rallye hinter Walter Röhrl und Ronald Holzer ist für Demuth und die Fricker-Mannschaft nur ein schwacher Trost. Der DRM-Titel geht an den sieglosen (!) Armin Schwarz im SMS-Audi.

Die Karriere von UL-PP 1 ist damit fast zu Ende. Im Laufe der Saison 1988 wird der letzte Benz, der einen DRM-Lauf gewinnen konnte, ins zweite Glied. Es folgen Einsätze auf den Kanaren durch Steffen Schmid. Bei der Tour d’Europe greift Teammanager Hanspeter Brömmer erstmals selbst ins Lenkrad, Teamchef Reinhold Fricker nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. In Marokko endet der heiße Ritt in einer „Links 4 am Schild macht zu“, weiß Brömmer, als wäre es gestern gewesen. „Die Ansage mit dem Schild kam nicht und dann ging’s dahin.“ 

Nach zwei weiteren Sprint-Rallyes geht UL-PP 1 nach Griechenland und kommt gut zwei Jahre später in sehr gebrauchtem Zustand zurück nach Ulm. Dort besiegelt Reinhold Fricker wenig nostalgisch sein Schicksal. Das Fast-Meisterauto wird ausgeschlachtet, alle noch brauchbaren Teile werden behalten, die Karosserie verkauft. Letztere soll heute einem Fahrlehrer aus Kassel gehören.

Fricker Motorsport richtet seine volle Konzentration auf den Nachfolger UL-PP 2, der heute eine weitaus größere Bekanntheit genießt als sein Wegbereiter. Die Nummer 2 bestreitet mit Harald Demuth am Steuer die restliche DRM-Saison 1988 und feiert von 1993 bis 1995 ein viel umjubeltes Comeback. Unvergessen sind aber vor allem die spektakulären Auftritte von Uwe Nittel im neuen Jahrtausend – zum Beispiel bei der Rallylegend in San Marino oder bei der Rallye Baden-Württemberg. In der Heimat schlägt der Benz 2007 unter anderem Anton Werner im Porsche 911 GT3 und Maik Stölzel im Škoda Octavia WRC und fährt zum Gesamtsieg. Dank Gruppe-H-Zulassung verfügt der Motor von UL-PP 2 mittlerweile über DTM-Technik und leistet 340 standfeste PS. Die Weiterentwicklung durch HP Brömmer ist also auch nach drei Jahrzehnten voll im Gange.

Jetzt richtet sich der kritische Blick des Experten auf Thomas Schäberles Nachbau von UL-PP 1. „Der Aufkleber isch falsch“, platzt es aus Brömmer heraus, als er einen Blick auf die C-Säule des 190 E wirft. „Da stand immer die Telefonnummer vom Fricker drauf.“ Brömmer ist ein wandelndes Mercedes-Rallye-Lexikon. Er hat alle Einsätze der Fricker-Autos genauestens dokumentiert. So weiß er, dass Demuth in der DRM-Saison 1987 33 Bestzeiten erzielt hat und warum er bei der 3-Städte 1988 ausgefallen ist: „WP 15. Lenkhelfpumpe defekt. Harald fuhr ohne Wasserpumpenantrieb bis zum Motortotalschaden.“

Dem Fricker-Nachbau wird er den nötigen Feinschliff geben, das stand schon vor unserem Termin fest. Vom Sticker auf der C-Säule bis hin zur richtigen Anordnung der Instrumente im Innenraum – „alles soll in den Fricker-Urzustand versetzt werden“ (Schäberle). Einzige Einschränkung: „Es muss sicherheitstechnisch Sinn machen.“ Der Umbau ist mittlerweile in vollem Gange. So ist die Batterie seit unserem Fototermin bereits nach hinten gewandert und eine Differenzialkühlung wurde installiert. Auch das Original-Funkgerät hat Schäberle schon aufgetrieben. Schwierigkeiten bereiten ihm noch die Sicherungen. „Wir haben lange gesucht und jetzt herausgefunden, dass die Original-Sicherungen im Moment in Marokko nachproduziert werden. Die Bestellung haben wir schon aufgegeben, Mitte März sollen sie kommen“, erklärt Schäberle mit der kindlichen Begeisterung, die er vor drei Jahrzehnten auf dem Beifahrersitz des 300 SLR empfunden haben wird.

All diese Feinarbeiten erfolgen im laufenden Rallyebetrieb. Denn: Seinen ersten Einsatz hat der Fricker-Nachbau schon hinter sich. Ein halbes Jahr nach dem Kauf hat es Schäberle „einfach nicht mehr ausgehalten“, das Auto noch nicht gefahren zu sein. Also begleitete er seinen Kumpel Andreas Bayer – selbst Besitzer zahlreicher Rallye-Mercedes – im Oktober 2016 kurzerhand zur Rallye Catalunya. Mit einer Beifahrerin, die er erst vor Ort kennenlernte, nahm er zur Eingewöhnung am spanischen WM-Lauf teil. Zwar nur als Vorwagen, aber zweifelsohne ein mutiger Start.

Dass Thomas Schäberle furchtlos aus, beweist auch sein Erst-Hobby: eine 1936 Riley Special. 650 Kilo, 140 PS aus einem Querstromkopf, kein Käfig und keine Gurte. Diesen offenen Vorkriegs-Roadster jagte Schäberle schon durch die Steilkurve von Paris-Montlhéry. „In der Steilkurve hängt der Riley voll in der Feder, findet aber automatisch die richtige Parabel für seine Geschwindigkeit“, schildert der Lenker das Fahrgefühl. „Ansonsten muss man in so einem Vorkriegsauto richtig arbeiten, da ist der Mercedes eine Wohltat.“ Eine Parallele gibt es dann aber doch zum Benz: „Driften kann der Riley auch ganz gut.“

2017 wird sich Schäberle zwischen seinen zwei Spielzeugen abwechseln. Der Fricker-Nachbau soll bei der Lavanttal-Rallye, dem Eifel Rallye Festival und erneut bei der Catalunya laufen. Und wenn der frühere Ferienjobber seinen Riley zündet, dann kann der Benz seinem historischen Vorbild noch näher kommen – mit Unterstützung von Mercedes-Lexikon Hanspeter Brömmer.

Quelle: rallye - Das Magazin 03/04 2017

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