Schweden: Schotterreifen nicht erlaubt

Eine der häufigsten Frage in den letzten Tagen: Sollte man angesichts der Streckenverhältnisse in Schweden nicht lieber mit Schotterreifen fahren?

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  • Auch auf der legendären Sprungkuppe "Colins Crest" liegt kein Schnee

    Auch auf der legendären Sprungkuppe "Colins Crest" liegt kein Schnee

Eine der häufigsten Frage in den letzten Tagen: Sollte man angesichts der Streckenverhältnisse in Schweden nicht lieber mit Schotterreifen fahren?

Noch lässt der erhoffte Wetterumschwung auf sich warten, wenn er denn überhaupt noch rechtzeitig kommt. Viele Prüfungen der Rallye Schweden präsentieren weiterhin schnee- und eisfrei, das Wintermärchen der Weltmeisterschaft erinnert an diesen Stellen eher an das vergangene Saisonfinale in Wales. Ein Desaster für den Veranstalter, der dennoch hofft, seinen WM-Lauf irgendwie über die Bühne zu bekommen.

Angesichts der Bilder aus dem Värmland kam in den letzten Stunden immer öfter die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, mit Schotter- statt mit Spikereifen zu starten. Doch der Wechsel ist nicht möglich. Schweden ist als Schneerallye eingestuft, entsprechend dem Reglement sind Spikes erforderlich. Selbst wenn die FIA eine Ausnahmegenehmigung erteilen würde, den Reifenherstellern bliebe nicht genug Zeit, die erforderliche Zahl an Pneus zur Verfügung zu stellen.  

Jetzt können die Fahrer nur darauf hoffen, dass die 195 mm schmalen Reifen die Schotterabschnitte so überstehen, ohne dass zu viele Spikes aus den Profilblöcken gerissen werden. Die Nervosität steigt deshalb auch bei den Reifenfirmen. Niemand kann sagen, wie sich die Verhältnisse auf die Lebensdauer der kleinen Nägel auswirken werden. Das Material, aus dem die Spikes gefertigt werden, sowie die Art und Weise ihrer Verankerung innerhalb des Reifens zählen übrigens zu den gut gehüteten Geheimnissen der Firmen.

Michelin hat das Kontingent für die Schweden-Rallye bereits im Oktober und November 2015 anfertigen lassen. Anschließend wurden die Reifen ins schwedische Växjö transportiert, wo ein Partnerunternehmen namens Däckproffsen die Spikes einsetzt.

Die Techniker von Däcksproffsen veredeln die Pneus in drei Schritten: Zunächst bohren sie exakt verteilte Löcher in die Profilblöcke, die sie dann mit einem Spezialkleber füllen, bevor die Spikes eingesetzt werden. Was so lapidar klingt, erfordert große Genauigkeit. 384 Spikes pro Reifen nach einem präzisen Plan in der Lauffläche zu versenken, dauert rund 45 Minuten. Bei 1.200 Michelin-Reifen für die Rallye Schweden summiert sich dies auf 900 Stunden – und fast eine halbe Million Nägel.

Die „krumme“ Anzahl von 384 Spikes pro Reifen ergibt sich übrigens aus dem Technischen Reglement der FIA. Demnach sind pro Quadratdezimeter Reifenoberfläche maximal 20 Nägel erlaubt. Die Länge der maximal vier Gramm schweren Stahlstifte ist auf 20 Millimeter begrenzt, davon dürfen nur 6,5 Millimeter aus dem Profil herausragen. Überdies müssen sie eine zylindrische Form aufweisen und von außen in die Lauffläche eingesetzt werden.

Jetzt muss sich zeigen, ob die Spikes auch den Herausforderungen der diesjährigen Rallye Schweden gewachsen sind. Weltmeister Sebastien Ogier meinte nach den ersten Recce-Kilometern vielsagend: „Ich weiß nicht, was wir hier machen. Es ist dumm.“

Der Weltmeister befürchtet wie viele andere Fahrer auch ein Sicherheitsrisiko. Dabei geht es nicht nur um die Haltbarkeit der Reifen, sondern auch um das erschwerte Befahren der Prüfungen durch Rettungskräfte, denn die Spikes der Rallyeautos dürften die aufgeweichten Pisten sprichwörtlich aufreißen und für tiefe Spurrillen sorgen. Der Veranstalter muss sich auch Gedanken um den wirtschaftlichen Schaden machen, denn nach der Rallye müssen die Strecken wiederhergestellt werden. Angesichts der klammen Finanzdecke in Schweden eine äußerst schwierige Situation.